Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

492 Literaturberichte bei der Ngoko Sangha-Affäre handelt, um nur einige besonders krasse Beispiele zu erwähnen. Der zeitliche Umfang der Studie reicht von 1907 (nicht wie im Titel steht 1908) bis 1912 und wird nicht näher begründet. Der Endpunkt fällt mit dem Tod Aehrenthals und der Übernahme der französischen Außenpolitik durch Poincaré zusammen. Die Darstellung selbst ist in 26 Kapitel auf­gegliedert, wobei die sehr ausführlichen Überschriften jeweils gleich den wesentlichen Inhalt angeben. Zunächst steht die Balkanpolitik mit der ma­zedonischen Reform, dem Sandschak- und dem Transversalbahnprojekt im Vordergrund, dann die Annexionskrise und die Marokkofrage. Hier hatte Aehrenthal Gelegenheit, Frankreich entgegenzukommen, ohne dafür eine wirkliche Gegenleistung auf dem Balkan zu erreichen, zumal dort auch wirtschaftliche Interessen eine Zusammenarbeit der beiden Staaten behinderten. R. betont die Verknüpfung und Wechselwirkung zwischen Balkan- und Marokkopolitik sehr stark und arbeitet sie deutlich heraus. In der weiteren Entwicklung der diplomatischen Beziehungen verlagerte sich das Schwergewicht auf die Versuche Österreichs und Ungarns, Anlei­hen an der Pariser Börse zu placieren. Auch hier scheiterten alle Bemü­hungen, zu einem engeren Verhältnis zu kommen. Die Polarisierung Europas in zwei Bündnissysteme war doch bereits zu weit fortgeschritten. Wohl begrüßte Frankreich jedes Anzeichen für eine Deutschland gegen­über selbständigere Haltung Aehrenthals, wobei besonders der französi­sche Botschafter in Wien sich in seinen Berichten eher von seinem Wunschdenken als von einer klaren Interpretation der Äußerungen des österreichischen Außenministers leiten ließ; andererseits fürchtete Frank­reich aber doch, durch eine wirtschaftliche Unterstützung Österreichs den Dreibund zu stärken, zumal die Monarchie damals relativ große Mittel für die Modernisierung von Flotte und Heer aufwendete. Letztlich waren da­her alle Bemühungen vergeblich, das Verhältnis zwischen Frankreich und Österreich enger zu gestalten, obwohl kaum schwerwiegende Interessen­gegensätze bestanden und beiderseits viel guter Wille vorhanden war. Dies erklärt aber auch, warum dieser Problemkreis bisher wenig unter­sucht wurde. Die vorliegende Dissertation hat jedenfalls ein umfangreiches Quellen­material erschlossen und bereichert damit unsere Kenntnis über die Vor­geschichte des Ersten Weltkrieges und über die Geisteshaltung einiger Hauptakteure des Geschehens, ohne freilich das Gesamtbild wesentlich zu verändern. Trotzdem war es wichtig, diese Fragestellung einmal einer kri­tischen Prüfung zu unterziehen. Walter Wagner (Wien) Die Geschichte Ungarns. Redigiert von Ervin Pamlényi. Deutsch von Tilda und Paul Alpári, Liane Dira und Ferenc Gottschlig. Corvina Verlag, Budapest 1971. 768 S., 48 S. Abb., 15 Karten und Kartenskizzen. Eine deutschsprachige, dem neuesten Stand der Forschung entsprechende und einigermaßen ausführliche Geschichte unseres Nachbarlandes war seit längerem ein Desiderat der österreichischen Forschung. Das von Pamlényi

Next

/
Oldalképek
Tartalom