Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

480 Literaturberichte hauptberuflichen Archivars seit Franz Martin Mayers Handbuch sein — wenngleich ungleich lebhafter und anregender in Diktion und Urteil. Zu­gleich ist es das erste Mal, daß ein Chef aller staatlichen Zentralarchive sich einer solchen Arbeit unterzog. Es wurde ein sehr persönliches Werk, das kräftig Schwerpunkte und Akzente setzt, ausgewählte Aktenstücke ebenso wie charakteristische Stellen aus Memoirenwerken klug dosierend auszugsweise wiedergibt und, aus dem Schatz der ungeheuren Belesenheit des Vfs schöpfend, auch mit entlegener Literatur bekanntmacht. Man hat dabei jedoch nie den Eindruck der Ausbreitung eines Zettelkastens und der Aneinanderreihung von Details, denn eine Durchformung des Stoffes, zugleich aber das plastische und treffliche, ja geradezu spannende Inein­anderschachteln von Bildern aus Politik und Krieg, Kultur und Wirtschaft gelingt immer. Besonders sei hier auf das Zeitalter Franz II. (I.) verwie­sen, offenbar die Lieblingszeit des Vfs. Wie hier die rasche Abfolge von Friedens- und Kriegszeiten, von wirtschaftlichem Niedergang und Wie­deraufstieg verwoben wird mit einer Darstellung der Wiener Salons und ihrer kulturellen Aufgabe als Zentren geistiger Anregung, Begegnung und aktiver künstlerischer Betätigung, sollte man gelesen haben. Gleichzeitig werden der Kaiser und seine Familie in Charakterstudien vorgestellt, wo­bei der Autor bei dem Sohn Ferdinand auf eigene eingehende Forschun­gen zurückgreifen kann. Auf Talente und Fehler, Erziehung und Privat­leben jener Persönlichkeiten wird die Aufmerksamkeit des Lesers ge­richtet, immer mit pointierten Hinweisen, welche dieser Momente für den Gang der Ereignisse von Gewicht gewesen sein könnten oder waren. Den Beschreibungen der Politiker und Staatsmänner, wie vor allem Metter­nichs, sowie ausländischer Potentaten, wie insbesondere Napoleons und Zar Alexanders I., stehen auch Porträts von Beamten — hingewiesen sei zum Beispiel auf Sedlnitzky — gegenüber. Im Rahmen der Kulturge­schichte wird Grillparzer in seinen Stärken und Schwächen ganz beson­ders gewürdigt, aber etwa auch Széchenyi in den Kreis der Betrachtun­gen einbezogen. Die langjährige Leitung des Hofkammerarchivs spiegelt sich in der Behandlung der Wirtschafts- und auch der Sozialgeschichte wi­der, wo die Leser bei der Skizzierung der großen Linien durch Darlegung instruktiven Zahlenmaterials, aber auch durch manche Details (z. B. Schicksal des habsburgisch-lothringischen Familienvermögens) belehrt werden. Schließlich gilt das Augenmerk des Vfs. der Geschichte der Wis­senschaft, sein besonderes Interesse aber, wenn der Rezensent nicht irrt, der Geschichte der Medizin. Der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, insbesondere der Zeit nach dem — negativ bewerteten — Ausgleich, wird weit weniger Raum gewidmet. Doch werden im vorhandenen Rahmen weder die Kriegsjahre 1848/49, 1859 und 1866 noch die besonders wichtige Verfassungsentwicklung, der Börsenkrach von 1873, der Aufschwung der Industrie und Wissenschaft zugunsten der Porträts, etwa des Kaiserpaares oder Taaffes, vernachläs­sigt. Wien als Metropole von Kunst und Wissenschaft und dem hier behei­mateten Mäzenatentum gesteht der Autor bei seiner Darstellung einen besonderen Platz zu.

Next

/
Oldalképek
Tartalom