Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
THOMAS, Christiane: „Moderación del poder“. Zur Entstehung der geheimen Vollmacht für Ferdinand I. 1531
118 Christiane Thomas Sachsen, getrieben von dem Bemühen, die religiöse Situation zu sichern, aber auch bestimmt von dem Rechtsstandpunkt, dem es als Kurfürst Gewicht verleihen konnte, fürchtete vielleicht im Königtum Ferdinands eine allzugroße Verstärkung der katholischen Reichsspitze und ließ sich, als an der Tatsache der Administration nicht mehr zu rütteln war, zur Propagierung eines Antiwahlbundes hinreißen. Für Hessen ging es nicht zuletzt um die Parteinahme für Ulrich von Württemberg, dessen Restitution Ferdinand eine empfindliche Schwächung der Position im Reich versetzen würde. Es traf sich günstig, daß man mit der Antiwahlkampagne den Druck auf den habsburgischen Herren von Württemberg verstärken konnte. Mit den Bayern, deren Interessen eine Wiedereinsetzung Ulrichs zuwiderlief, würde man sich assoziieren, wenn sie Ulrichs Anrecht akzeptierten so), für den Kaiser würde man — so vermutete zumindest der die Mittlerrolle vertretende Heinrich von Braunschweig — dann einstehen, wenn dieser sich den braunschweigischen Kompromißvorschlägen geneigt zeigen würde 80 81). Zusätzlich konnte es nicht schaden, die Aufmerksamkeit westeuropäischer Mächte und des angrenzenden Dänemark auf die Vorgänge im Reich zu lenken. Noch sah sich Ferdinand nicht einer geschlossenen Front gegenüber 82) —, gesichert aber war seine Stellung keineswegs, und das Fehlen der wichtigsten schriftlichen Unterlagen könnte in ihm den Verdacht geweckt haben, Karl begnüge sich damit, ihm den Titel, nicht aber die Aufgaben eines Königs zuzugestehen. Vollmachten, Mandate, Durchführungsverordnungen, nicht aber Wahl und Krönung, würden ihm Mittel bereitstellen, gegen die Opposition vorzugehen. Mit etwas naivem Optimismus hoffte er, mit Hilfe der kaiserlichen Gewaltinstrumente die Gegner einzuschüchtern83). Das Gegenteil war der Fall: Daß Karl den Fürsten Gehorsam abverlangte, war für Sachsen auslösendes Moment zur Intensivierung einer Anti-Ferdinand- Koalition. IV Ferdinands drängender Klagebrief vom 17. kreuzte sich mit Karls Ankündigungen vom 10. und 14. Februar, daß alle notwendigen, bisher ausständigen Papiere abgeschickt seien. Hier interessieren vor allem jene beiden Stücke, die Karl einerseits als „pouvoir pour l’administration et gou80) Wille Philipp der Großmüthige 51. 81) Alle diesbezüglichen Exposés Heinrichs: FK 43 n. 458/1 sub b-d; fast wörtliche Übersetzung der Württemberg betreffenden Punkte: Bucholtz Ferdinand der Erste 4 205 f. 82) Winckelmann Schmalkaldischer Bund 82. 83) Vgl. Ferdinand an Karl, 1531 Februar 17 Linz: FK 45 f n. 459/3—6.