Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Sammelreferate 467 Pauley hat anhand der in vieler Hinsicht ungewöhnlichen Entwicklung des steirischen Heimatschutzes diese Machtkämpfe innerhalb der eigenen Bewegung und ihre Auswirkungen auf die Beziehungen zum bürgerlichen Lager vom Anfang an untersucht. Nach dem mißglückten Pfrimer-Putsch werden die Beziehungen des steirischen Heimatschutzes zu der seit dem Herbst 1931 steil aufsteigenden NSDAP in Österreich immer enger. Es kommt bereits zu gemeinsamen Aktionen, faschistischen Kampfgemein­schaften, die freilich zunächst nur vorübergehender Natur sind. P. bietet dabei ein interessantes Bild der Persönlichkeit Kammerhofers, des dafür maßgebenden Führers des steirischen Heimatschutzes. Ihm ist schließlich auch das Liezener Abkommen zu verdanken, das zum innenpolitischen Bündnis gegen Dollfuß führte und den steirischen Heimatschutz in der Folge gemeinsam mit der NSDAP in die Illegalität stößt. Die Abkommen von Venedig und München vervollständigen dann diesen Verschmelzungs­prozeß, der zur Aufsaugung des steirischen Heimatschutzes durch die Nazis führte. Dies hat sich 1938 nicht zuletzt durch die Vorgänge in der Steiermark gezeigt, wo die „Volkserhebung“ besonders früh einsetzte. Als Quellenbasis dienen dem Vf. österreichische und deutsche Archive, freilich oft nur sehr sporadisch. Die Literatur der letzten Jahre wurde nur man­gelhaft benutzt. Pelinkas Studie über die Christliche Arbeiterbewegung in Öster­reich 1933—1938 stammt nicht von einem Historiker, sondern einem Politologen, beweist aber einmal mehr, was die politische Wissenschaft uns Zeitgeschichtlern zu geben vermag, wenn sie von aufgeschlossener, wis­senschaftlicher Redlichkeit getragen wird. Wir wollen hier nicht auf die verschiedenen theoretischen Problemstellungen und ihre Ergebnisse ein- gehen, sondern nur auf die historische Darstellung; sie ist aufschlußreich genug, um an sich das Werk wissenschaftlich zu rechtfertigen. Der Vf. weist von Anfang an auf die inkonsequente Ideologie der Christlichen Arbeiterbewegung hin, die den materialistischen Klassenbegriff ablehnt und dennoch antikapitalistisch ist. Immerhin konnte sie in der Ersten Republik einen bemerkenswerten Aufstieg verzeichnen, ihre inneren Widersprüche traten erst mit der Etablierung des autoritären Regimes of­fen zu Tage. Der Vorrang des Antimarxismus vor dem Antikapitalismus führte dazu, daß Dollfuß’ Bündnis mit den faschistischen Heimwehren ebenso hingenommen wird, wie die Ausschaltung des Parlaments. Als ge­meinsamer Feind können immerhin noch die Nazis angesehen werden. Als von der Regierung im Zuge der „Neuordnung der Arbeiterkam­mern“ die demokratische Mehrheit ausgeschaltet wird, wird dies ebenfalls akzeptiert, und die Funktionäre der christlichen Arbeiter haben keine Skrupel, die freiwerdenden Posten zu besetzen. Dies zeigt sich noch mehr nach dem Februar 1934, als es zur Bildung einer Einheitsgewerkschaft kommt, was u. a. auch vom Verlust von sozialen Errungenschaften beglei­tet wurde. Viele Kollektivverträge wurden gekündigt, die Betriebsräte gesäubert, die neuen Funktionäre der christlichen Arbeiterschaft nahmen jedoch nur schüchtern gegen die Unternehmerwillkür Stellung. Wohl wandte sich Kunschak — nach dem Juli 1934 unter Berufung auf Dollfuß — gegen die Heim wehr; so wurde die Christliche Arbeiterbewe­30*

Next

/
Oldalképek
Tartalom