Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

AUER, Leopold: Egon Schiele und das Heeresmuseum

458 Leopold Auer Noch galt es aber ein Hindernis zu überwinden, die Tücken der Büro­kratie. Für Schiele, der in der k. u. k. Konsumanstalt Kalkulations- und Bestellbücher geführt hatte, mußte zuerst ein Ersatz beschafft werden. Auch das wurde bewilligt — und dann geschah nichts. Im Februar 1918 schrieb Schiele nochmals an John 13), am 5. März wiederholte Dr. Hans Rosé seine Anfrage an das Kriegsministerium, wobei sich herausstellte, daß der angelegte Akt durch irgendeine Schlamperei verloren gegangen war14). Nun endlich kam die Maschinerie des Instanzenzuges in Gang: Am 24. April erhielt die k. u. k. Konsumanstalt ihren Ersatzmann, und fünf Tage später, am 29. April, konnte Schiele seinen Dienst am Heeres­museum antreten, ein gutes halbes Jahr, nachdem er sich darum bewor­ben hatte! Damit war ihm endlich jene Freiheit verschafft, die er gerade in dem für ihn auch an äußerlichen Erfolgen so reichen letzten Lebens­jahr brauchte15), auch wenn er gelegentlich noch immer unter den Klein­lichkeiten der Bürokratie zu leiden hatte 16), denen ihn erst sein rascher Tod am 31. Oktober 1918 endgültig entzog. * * * Zwei Briefe Egon Schieies an den Direktor des Heeresmuseums, Wil­helm John. Heeresgeschichtliches Museum, Nachlaß John. (1) Sehr geehrter Herr Ober-Ingenieur Dr. John! 3. Dezember [1917] Ich erlaube mir, an Sie die höfliche Frage zu stellen, ob ich noch Aussicht habe, an das Heeresmuseum kommandiert zu werden. Als Sie mir den Brief an meinen Kommandanten mitgaben und dieser zwar einwilligte mich für einen guten Schreiber abgeben zu können, doch er selbst an das Kriegsministerium die Eingabe nicht machen konnte, weil ich seiner­zeit von unserer Anstalt speziell angefordert wurde, sandte er durch mich einen Brief an Sie, dessen Inhalt ich weiß, den Brief aber selbst nicht überge­ben konnte. Mein jetziger Kommandant ist mir aufs Beste gesinnt und schätzt mich sehr als Maler und sieht mein unangebrachtes Dasein vollkommen ein. Inzwi­schen reichte ich, mit dem Einverständnis Dr. Haberditzls und meines jetzigen les an das Ministerium für Kultur und Unterricht vom 29. Oktober und die Befürwortung des Ministeriums vom 20. November. 1S) Siehe Anhang. «) Kriegsarchiv KM 1918-2 St, 19/278. 15) Schon vom 4. Mai datiert die erste Vergünstigung, eine von John Unter­zeichnete Erlaubnis zum Tragen von Zivilkleidung: Graphische Sammlung Al­bertina. 16) Konzept eines Briefes Schieles an John vom 2. Oktober 1918, in dem er ihn bittet, ihn vor einer neuerlichen Musterung zu bewahren: Graphische Sammlung Albertina.

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