Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“

Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges 449 im Rahmen der gegenständlichen Ausführungen die gesamte Beweiswür­digung des Originalaufsatzes mit allen ihren Zitierungen zu wiederholen. Immerhin ist es nötig, das Problem im Zusammenhang mit den umstritte­nen Zitaten hinsichtlich der kaiserlichen Haltung herauszustellen und dann die Grundlagen der genau abgesteckten Begrenzung meiner Schluß­folgerungen darzulegen. Der Leser, der sich weiter informieren will, muß auf die Originalstudie und, wie ich annehme, zukünftige weitere Literatur zum Gegenstand verwiesen werden. Der Chefredakteur der Zeit, Dr. Heinrich Kanner, hat in den Jahren 1914—17 eine Reihe prominenter Persönlichkeiten des kaiserlichen Öster­reich und Deutschland interviewt. Die maschingeschriebenen Bände, in denen diese Interviews niedergelegt sind, wurden im Jahre 1925, fünf Jahre vor seinem Tod, von Dr. Kanner an die Hoover Library in Stan- ford/Calif. verkauft. Ob ein handgeschriebenes Originalmanuskript über­haupt besteht, oder ob Kanner vielleicht seine stenographischen Aufzeich­nungen in die Maschine diktiert hat, läßt sich heute ebensowenig feststel­len wie der Grund, weshalb die ursprünglich zweifellos zur Veröffent­lichung bestimmten Aufzeichnungen nach Ende des Weltkrieges nicht ver­öffentlicht wurden. Vermutungen in dieser Hinsicht werden in der Studie angeführt3). Jedenfalls hat der gemeinsame Finanzminister v. Bilinski zwischen dem 13. Jänner 1915, zu welchem Zeitpunkt er sich noch im Amte befand, und dem 9. März 1917 Kanner nicht weniger als sieben längere Unterredungen gewährt. Insbesondere Teile von drei Gesprächen sind von unmittelbarer Bedeutung für unseren Gegenstand. Im Zuge dieser Aussprachen hat Kanner, dessen alles eher als vorur­teilslose Haltung gegenüber dem kaiserlichen Regime von mir ausdrück­lich festgehalten und belegt wird 4), Bilinski über die Haltung des Kaisers zur Frage der Auslösung des Krieges im Juli 1914 wie während der Balkankrisen von 1913 befragt. Am 3. November 1916 fragte Kanner: „Glauben Sie, daß auch der Kaiser einen europäischen Krieg vorausgesehen hat?“ „Ja, das sicher“, sagte Bilinski. „So?“ sagte ich, „das überrascht mich sehr, ich hatte es nicht geglaubt“. „Das kann ich Ihnen“, sagte Bilinski, „ganz be­stimmt versichern, ich kann Ihnen sogar ein Detail erzählen, das Sie interessie­ren wird. Am Tage nach dem gemeinsamen Ministerrat vom 19. Juli, über den ich Ihnen früher erzählt habe, war ich in der Früh in Audienz beim Kaiser. Der Kaiser hatte da schon die von uns am vorherigen Tage festgestellte Note bei sich. Im Gespräch nahm ich darauf Bezug und sagte zum Kaiser: .Euer Majestät haben jetzt einen gewichtigen Akt zu genehmigen, aus dem wie ich glaube ein europäischer Krieg entstehen kann.“ Darauf sagte der Kaiser: ,Das 3) Es ist übrigens nicht uninteressant, daß der Inhalt zumindest eines dieser Interviews mit einer Persönlichkeit aus dem Kreis der deutschen Marine, von Kanner, der zum Bekanntenkreis von Karl Kraus gehörte, an diesen weiterge­geben worden sein muß. Die Information wurde offensichtlich in einer Szene in Die letzten Tage der Menschheit (4. Akt, 37. Szene), in der der deutsche Kaiser im Mittelpunkt steht, verwertet. 4) Kann Kaiser Franz Joseph 3—8. Mitteilungen, Band 26 29

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