Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

POSCH, Fritz: Das Archivwesen der Länder und die Entstehung der österreichischen Landesarchive

Das Archivwesen der Länder 65 war, die Wirkungssphäre des Landesarchivs noch weiter auszudehnen und es in den Mittelpunkt der gesamten historisch-archivalischen Arbeit im Lande zu stellen. Voran sollte eine allgemeine Archivstatistik gehen. Zur Unterstützung schuf er das Ehrenamt der Archivkorrespondenten in jedem Bezirk, die zahl­reichen Zuwachs brachten, und trat für die Abfassung von Ortschroniken ein; er erreichte Preisstiftungen für historische Arbeiten und zwar in erster Linie für eine populäre Geschichte Mährens. Nach dem Tode Chytils 1861 und Chlumeckys 1863 war die große und vorbildliche Zeit für das mährische Archivwesen vorbei, doch wirkte die großzügige Archivorganisation Chlu­meckys noch einige Zeit nach 55). Die kurze Blütezeit des Mährischen Landesarchivs aber reichte hin, um ein Vorbild für andere Länder werden zu können. Naheliegend war die Einwirkung auf Böhmen. Hier wurden bis zum Jahre 1862 die Landesarchivalien vom Registraturs­direktor, zuletzt V. B. Erben, mitbetreut. Mit der Neuordnung der böhmischen Verfassung 1861 kam es 1862 zur gemeinsamen Leitung des ständischen Archivs und des St. Wenzels-Archivs durch einen Historiker und zwar Gindely, der in Archivsachen unter dem Einfluß des mährischen Landesarchivdirektors Peter v. Chlumecky stand, mit dem er befreundet war. Schon in der ersten rein organisatorischen Maßnahme Gindelys, der Denkschrift vom 9. Dezember 1862, zeigt sich der Einfluß Chlumeckys. Hier wurde bereits die Erwerbung des Kronarchivs, der Landtafel, der Urkunden der von Josef II. aufgehobenen böhmischen Klöster und des Musealarchivs nach mährischem Vorbild angestrebt. Auch die Sammlung von Quellen zur Landesgeschichte durch Abschriften, die im großen Maßstab betrieben wurde, geht auf das mährische Vorbild zurück. Wenn auch das Jahr 1862 als Gründungsjahr des böhmischen Landesarchivs gilt, stammt ein Beschluß des Landesausschusses und des Landtages, daß es ein böhmisches Landesarchiv geben solle, allerdings erst aus dem Jahre 186 5 56). Viel wichtiger aber wurde das mährische Vorbild für die Steier­mark. Als Josef Zahn 1861 die Stelle eines Joanneumsarchivars in Graz übernahm und als eine seiner ersten Aufgaben einen Entwurf zur Archivorganisation zu erstellen hatte, diente ihm unter anderen Unterlagen wohl auch die Instruktion für das mährische Landesarchiv zum Vorbild. Anders wäre es auch wohl nicht möglich gewesen, daß Zahn sein 95 Paragraphen umfassendes Elaborat in einem Gasthaus bei einem Glas Bier hätte entwerfen können. Der Entwurf Zahns ist aber ein völlig eigenes Werk und ganz auf die steirischen Bedürfnisse und Verhältnisse abgestimmt 56a). Außer dem Brünner Vorbild dürfte ihm auch seine Kenntnis der deutschen Archive, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien und des Zentralarchivs des Deutschen Ordens sehr zustatten gekommen sein, abgesehen natürlich von seiner Schulung im neugegründeten Institut für österreichische Geschichtsforschung. Zahn wies hier bezüglich der geplanten Publikationen unter anderem auch auf die Urkundenpublikation Boczeks und die Regesten Chlumeckys als Vorbild hin. Auch bei der Besoldung verwies er auf das Gehalt des mährischen Landesarchivars. Nicht von ungefähr ernannte ihn die historisch-statistische Sektion der k.k. mährisch-schlesischen Gesellschaft 55 56 55) Bretholz Mährisches Landesarchiv 45 ff. 56) P r o c h n o Das böhmische Landesarchiv Prag 13 ff. sea) Posch Zahn 36 ff. Mitteilungen, Band 25 5

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