Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

ZÖLLNER, Erich: Das österreichische Stammbuch des konfessionellen Zeitalters und seine Bedeutung als Geschichtsquelle

162 Erich Zöllner einem der ersten Blätter des Albums prangende Wappen des Besitzers wurde bisweilen zum Objekt poetischer Ergüsse, die wir gleichfalls im Stammbuch finden können, etwa in jenem des Bürgermeisters Thaw oder des Prädikanten Steudlin 47). Insgesamt darf der Aussagewert der Alben für heraldische Fragen, insbesondere für die Erhellung der Entwicklungs­geschichte der dargestellten Wappen in einer Epoche, die noch gute heral­dische Leistungen auf zu weisen hatte, als beträchtlich gelten, da ja die Stammbucheintragungen in der Regel genau datiert sind. Neben und nach den Wappen sind oft recht realistisch ausgeführte Bilder von Landschaften, Orten, Bauwerken und Menschen, mit denen der Albenbesitzer auf seinen Reisen oder in seinem beruflichen Werdegang zu tun hatte, zu finden. Das Stammbuch — in vielen Fällen ein anläßlich von Auslandsstudien, bzw. für die Kavalierstour der jungen Aristokraten oder für die Wanderung der Handwerksburschen angelegtes „Reiseal­bum“ — diente nicht zuletzt auch einem Zweck, den heute das Photo­album oder der Schmalfilm zu erfüllen hat: Es sollte Gesehenes fest- halten. Der Quellenwert derartiger Stammbuchbilder kann unter Umständen bemerkenswert sein; so müssen die Abbildungen in dem freilich unge­wöhnlich großformatigen Stammbuch des Wieners Sebastian Stamps als ernstzunehmende Bildquellen für Kriegführung und Soldatenleben in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts gelten 48 49). Die Reisen der Studenten und adeligen Kavaliere führten zumeist nach dem Süden; da waren es etwa die wunderbare Stadt Venedig, der Prunk ihres aristokratischen Staatswesens, dann die Universitätsstadt Padua, die italienischen Amts- und Volkstrachten, die immer wieder im Bilde fest­gehalten wurden4B). Trachtendarstellungen waren auch sonst recht be­gung von Johann Anton Adam: „Dem ehrnvesten und wolgelerten herrn M. Johannes Lutzenberger hab ich Johann Anthoni Adam zu ewiger gedächt- nus mein wapen von wegen besonderer freint- und vertrautschafft malen lassen anno 1591.“ Tatsächlich blieb das Blatt über der Widmung aber leer. 47) Egerton-Ms. 1194 fol. 2—7v; CVP Ser. nov. 2637 fol. 6f bzw. 8—13. 48) Vgl. die Abbildungen bei Rosenheim Album Amicorum Tafel 27 (nach 268), 28 (nach 270); die zweite Tafel auch bei G 1 a d t Stammbuchblätter Abb. 5 (nach 24), vgl. ebenda auch Abb. 4 (vor 7). Ferner aus diesem Stamm­buch noch Tafel 10, 11, 12, Inv.-Nr. 55.052 im Historischen Museum der Stadt Wien, mit Widmungen von Jacob Nagl (1582, Lagerleben), Wilhelm Maier (1571, Turnier), Hans Jacob Hütter (1575, Reiterkampf zwischen Türken und Christen). Über das Schicksal des Stammbuchs vgl. Zöllner Austriaca 360 f; zum Inhalt Rosenheim 268f. Sebastian Stamps trug sich selbst in das unten Anm. 52 erwähnte Wiener Album von Hieronymus Cöler fol. 309 ein (anno 1570). 49) In dem oben Anm. 46 erwähnten Stammbuch des Vorderösterreichers Johann Luzenperger aus Günzburg finden sich Bilder des venezianischen Dogen, seines Prunkschiffes Bucintoro, des Podestá und des Rektors von Padua und verschiedene Volkstrachten. Vgl. CVP 12.871 fol. 5v, 31v, 32v, 35v, 41, 48, 56,

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