Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

MOHR, Walter: Die Rolle Bayerns in der Komposition der Annales regni Francorum

Die Rolle Bayerns in der Komposition der Annales regni Francorum 131 Auch über die politischen Besprechungen, die er während der Belage­rung von Pavia mit dem Papst führte, wird geschwiegen, vielleicht weil damals noch keine Übereinstimmung in allen Punkten erreicht wurde. Das war offensichtlich erst bei dem nächsten Besuch Karls in Rom im Jahre 781 der Fall, und jetzt werden die Reichsannalen wieder gesprächiger. Papst Hadrian hat damals des Königs Sohn Pippin getauft, sowie diesen und seinen Bruder Ludwig zu Königen gesalbt, und dann wurde jener zum König in Italien, dieser in Aquitanien eingesetzt. Dieser Vorgang ist also dem Vollzug einer Reichsordnung gleich zu achten, die unter der Sanktion des Papstes stattfand. Es blieb nur noch das Problem einer Rege­lung mit Bayern übrig, was durch eine gemeinsame päpstlich-königliche Gesandtschaft an Tassilo geschehen sollte. Die Reichsannalen stellen das in besonderem Sinne heraus, indem sie darüber erst nach Beendigung des Berichtes über den Italienzug ausführlich in einem eigenen Kapitel erzählen 23). Tassilo sollte an die im Jahre 757 geleisteten Eide erinnert werden, was die Reichsannalen so formulieren: „sicut iureiurando iam dudum promiserat ad partem domni Pippini regis et domni Caroli magni regis vel Francorum“. Die sogen. Einhardsannalen dagegen schreiben richtiger von dem Eid, den er Pippin, seinen Söhnen und den Franken geleistet habe. Sie folgen darin dem Text der Reichsannalen von 757, wobei sie offen­sichtlich nicht mehr unter der Problematik standen, die den Autor der Reichsannalen veranlaßte, eine Erinnerung an Karlmann zu vermeiden, die ja zu seiner Zeit noch die Stellung Karls beeinträchtigen konnte. Über­raschender Weise fügte sich Tassilo ohne weiteres, er war ja auch durch die Ereignisse in Italien inzwischen isoliert worden: Desiderius war fränki­scher Gefangener, sein Sohn weilte als Flüchtling im byzantinischen Reich, und der Papst stand fest auf der Seite König Karls. Die Reichsannalen befassen sich dann bis zum Jahre 787 nicht mehr mit Bayern. Erst nach dem Zuge Karls gegen Benevent in diesem Jahre, wobei die byzantinische Politik mit dem geflüchteten Adalgis, dem Schwager des Herzogs von Benevent, eine Rolle spielte, taucht Tassilo wieder in der Erzählung auf. Über sein bisheriges Verhalten wird nichts berichtet, aber seine Erwähnung zu diesem Zeitpunkt deutet wohl auf einen Zusammenhang mit den Plänen von Benevent und Byzanz 24). 23) Die Einleitung „et tunc missi sunt“ bezieht sich zeitlich auf das ganze Jahr 781 und nicht auf die zuvor berichtete Rückkehr Karls in die Heimat. 24) Löwe (Reichsgründung 64) lehnt einen Abfall Tassilos ab. Die Reichs­annalen zeigen indes, daß es doch um neuerliche Abweichungen vom Vasalleneid ging, und zwar nicht allein um den Eid von 781, wie Willibrord Neumüller Tassilo von Bayern und Karl d. Gr. in Jahresbericht des öffentl. Gymnasiums der Benediktiner zu Kremsmünster 110 (1967) 28 in irrtümlicher Interpretation der Annalen meint. (Im übrigen eine Arbeit mit mangelhafter Literatur-Benut­zung.) 9*

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