Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
520 Literaturberichte katastrophalen finanziellen Verhältnisse der Donaumonarchie, die Unzufriedenheit in Ungarn und in den italienischen Gebieten dazu, dann erscheint seine Haltung im Krimkrieg nicht mehr so unverständlich. Ein vollkommener Anschluß an die Westmächte kam für Buol auch nicht in Frage, da er die Möglichkeit einer Allianz zwischen Österreich und England sehr skeptisch beurteilte (auch aus den in London besonders im Verkehr mit Palmerston gewonnenen Erfahrungen) und er auch der französischen Politik höchst mißtrauisch gegenüberstand. So könnte diese glänzend geschriebene und hervorragend dokumentierte Arbeit — die Vfn. verwendete bisher unbekanntes Archivmaterial aus Wien, London, Genf, Prag und Salzburg — dazu beitragen, das Bild dieses bisher so mißverstandenen österreichischen Staatsmannes einer längst fälligen Revision zu unterziehen. Horst Brettner-Messler (Wien) Bernhard U n c k e 1, Österreich und der Krimkrieg. Studien zur Politik der Donaumonarchie in den Jahren 1852—1856. (Historische Studien 410.) Matthiesen Verlag, Lübeck und Hamburg 1969. 316 S. Österreich war durch seine geopolitische Lage und durch die Entwicklung der Dinge in Deutschland nach 1848 in verstärktem Maße nach Südosten orientiert. Die Donau als wichtigste Verkehrsader für ein Großmitteleuropa, wie es das Habsburgerreich zu werden bestrebt war, galt als neuralgischer Punkt, was bei jeder Art von Bedrohung zu außenpolitischen Konflikten führen mußte. Der im Zusammenhang mit dem Krieg Rußlands gegen die Türkei (1853) erfolgte Einmarsch russischer Truppen in die Donaufürstentümer Moldau und Walachei mußte zu einer Interessenkollision zwischen den bisher eng befreundeten konservativen Kaiserstaaten, Österreich und Rußland, führen. Der angestrebte Besitz, ja schon die Kontrolle des Unterlaufs der Donau und des Mündungsgebietes wurde in Wien als Eingriff empfunden; dazu kam der stets wache Argwohn, daß der jahrhundertealte russische Einfluß auf den Balkan über die orthodoxe Kirche, die der Expansion des katholischen Österreich entgegenstand, für den Ausbau einer russischen Einflußzone politisch ausgenützt werden könnte. Der Balkan, den man von Wien aus stets scharf im Auge behielt, durfte nicht zur russischen Interessensphäre umgemünzt werden. Österreich schloß sich deshalb 1854 im Krimkrieg den Westmächten an und besetzte selbst die Donaufürstentümer. Damit aber war die väterliche Freundschaft, die Zar Nikolaus I. für den jungen österreichischen Kaiser empfand, plötzlich in bittere Feindschaft umgeschlagen. Rußland, das noch vor wenigen Jahren als Retter Österreichs in Ungarn interveniert hatte (1849), empfand das Vorgehen Österreichs als schnöden Undank, ja als Dolchstoß in den Rücken. Der Zusammenprall machtpolitischer Interessen hatte die dynastischen Gefühle sehr rasch in den Hintergrund gedrängt, selbst das gemeinsame restaurative und absolutistische Herrschaftssystem verband die beiden Monarchen nicht mehr. Der Streit um die Donaufürstentümer und Österreichs Haltung im Krimkrieg institutionalisierten sozusagen den österreichisch-russischen Gegensatz. Die Frage der Selbständigkeit und Vereinigung der Moldau und Walachei