Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

476 George Bárány „Wir leben in einem geordneten Universum, beherrscht von Kräften, deren Ursprung wir nur ahnen können. Erfolg im menschlichen Leben hängt vom Studium dieser Kräfte ab, von der Kenntnis, wie man sich ihrer bedienen kann, und von der Regelung der menschlichen Lebensverhältnisse gemäß einer passenden Beziehung zu ihnen. Der Mensch besitzt etwas Geistiges, das mir definitiv, jedoch undefinierbar (zu sein) scheint. Große geistige und moralische Führer, wie der Mann von Galilea, mögen als Lenker unserer menschlichen Gebrechlichkeit dienen. In welchem Maße der Glauben im Leben eines Menschen eine Rolle spielt, muß eine individuelle Frage bleiben. Mein Verstand ist nicht im Stande, jenseits gewisser Grenzen zu gehen, und ich sehe keinen Weg, der den Menschenverstand weiter führen kann“ 30). Zahlreiche Briefe von Bahnbrechern des modernen naturwissenschaft­lichen Denkens in verschiedenen Teilen der Welt entsprachen dem Sinn der Meinung Wilburs. Fritz Haber, der 1918 einen Nobelpreis in Chemie bekam, war nach 40 Jahren der Beschäftigung mit der Naturwissenschaft „von der unendlichen Lückenhaftigkeit und Unvollkommenheit unserer Einsicht“ in den „wundervollen tiefen Sinn, der alle Naturerscheinungen umfaßt und verbindet“ überzeugt. Infolgedessen hielt er nichts „von Darlegungen, die sich der Wissenschaft bedienen, um über die letzten und allgemeinsten Fragen etwas auszumachen. Das Verhältnis des einzelnen Menschen zu Gott und Ewigkeit kann nach meinem Dafürhalten klar und befriedigend nur aus dem Bedürfnis der einzelnen Menschenseelen erfließen. Der Glaube an Gott ist ein Ausdruck des Bewußtseins unserer menschlichen Unvollkommenheit in dem Verständnis von Natur und Leben, verbunden mit dem Bedürfnis unserer Seele, uns dort einen umfassenden Zusammenhang vor­zustellen, wo wir ihn mit dem Verstände nicht aufzeigen können“ 31). Ein anderer deutscher Nobelpreisträger, der Physiker Wilhelm Wien, behauptete in einem vier Seiten langen, eigenhändig geschriebenen philosophisch-historischen Kurzessay, daß die von Schayer aufgeworfene Frage „eine der schwierigsten und wichtigsten in unserem ganzen Gei­stesleben“ sei. Überzeugt, daß „die Wissenschaft nicht alle Fragen, die der menschliche Geist aufwirft, jemals lösen kann“, charakterisierte er die Frage der Unsterblichkeit der Seele, des Daseins Gottes, die nicht durch wissenschaftliche Untersuchungen beantwortet werden kann, als „Sache des Glaubens“, die mit dem Fortschritt der Wissenschaft nichts zu tun hat. Im Hinblick auf Leute, die von den wissenschaftlichen Ergebnissen unbe­friedigt sind, „weil sie über das, was ihnen am meisten am Herzen liegt, nichts erfahren können“, definierte Wien die zwei großen Aufgaben, die die Wissenschaft zu erfüllen hat, in folgenden Worten: „Einmal hat sie das dem menschlichen Geiste innewohnende Streben nach Erkenntnis zu befriedigen. Diese Aufgabe ist die erste jeder Wissenschaft. Aber dann kommt noch als zweite hinzu, daß der Mensch bestrebt sein muß, die Natur zu erkennen, um sie seinen sittlichen Zwecken dienstbar zu machen. Der Mensch hat, wie jedes Lebewesen, einen dauernden Kampf mit der Natur zu so) 1927 September 19. 31) 1927 März 29. — Der deutsche Originaltext wurde in Mitteilungen aus der Max-Planck-Gesellschaft 1971/1, 6 abgedruckt.

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