Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 461 unmöglich gemacht worden war, was Wien allerdings nicht wissen konnte — geschehen. Weiters wies Hoffinger noch einmal nachdrücklich auf die „fieberhafte Erregung“ in der Kärntner Bevölkerung hin und empfahl die Einleitung einer Pressekampagne, die — wäre sie durchgeführt worden — der Coolidge-Mission äußerst geschadet hätte: Es sollte vor allem darauf verwiesen werden, daß Amerika die Sprüche seiner Offiziere schon durchzusetzen wissen werde (!)112 *). Hoff inger begründete diese Empfehlung vor allem damit, daß nur durch eine unbedingt gebotene Ausnützung dieses diplomatischen Erfolgs der Los-von-Wien-Bewegung in Kärnten, die ohnehin von Tag zu Tag stärker werde, das Wasser abgegraben werden könne U3). Bauer hielt sich in seinem, noch am gleichen Tage, also am 8. Februar, an Coolidge abgesandten Schreiben ziemlich genau an Hoffingers Vorschläge und betonte vor allem, daß die bloße Anwesenheit amerikanischer Offiziere an jenen Punkten, an denen die neue Grenzlinie zu sehr von der alten abweiche, eine große Hilfe darstellen würde 114). Eine diesem Schreiben offenbar später beigefügte Notiz wies allerdings in die falsche Richtung, indem vermerkt wurde, daß Coolidge nicht abgeneigt zu sein scheine, diesem Vorschlag nachzukommen115). Tatsächlich aber war er jetzt nur noch daran interessiert, die Berichte der Miles-Mission mit Kommentaren zu versehen und an Paris weiterzugeben116), anstatt noch weiter in diese Angelegenheit verwickelt zu werden, die ihm ohnehin in Paris schon genug Ansehen gekostet hatte. Coolidge war nun bestrebt, die Kommission in Paris möglichst im Sinne der Miles-King-Berichte zu beeinflussen; in diesem Sinne kann etwa auch Otto Bauers Feststellung, „seine [Miles] Reise hat sehr viel dazu beigetragen, die Friedenskonferenz richtig über Kärnten zu unterrichten“ 117), verstanden werden. Wie unrealistisch nach Pariser Auffassungen Coolidges Vorgehen war, zeigt die Reaktion der Hauptbevollmächtigten der American Commission to Negotiate Peace, denen der von Coolidge nach Paris entsandte Oberst Miles die Kärntner Angelegenheit klarzulegen suchte118). Rasch wurde in dieser Sitzung Übereinstimmung erzielt, daß eine Veröffentlichung des Coolidgeschen Schiedsspruchs gänzlich unmöglich sei; Miles brachte das Argument, Coolidge sei es nur darum gegangen, Blutvergießen zu ver112) Ebenda, ns) Ebenda. ni) Privatschreiben Bauers an Coolidge, datiert 1919 Februar 8: ebenda, ns) pro domo-Notiz, ebenda. ii«) Der Abschluß-Mehrheitsbericht (Miles, Martin, King) ist abgedruckt in FR PPC 12, 513—520, bes. 515 ff. ni) Otto Bauer Die österreichische Revolution (Wien 1965) 147. ii«) Minutes of the Daily Meetings of the Commissioners Plenipotentiary, 1919 Februar 20. Anwesend waren Lansing, White, Bliss und Dulles: FR PPC 11, 59—60. Im Verlaufe dieser Sitzung berichtete Miles.