Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz
458 Georg E. Schmid Vorfall von nationalen Kreisen entsprechend ausgeschlachtet wurde. Vertreter der Stadt und des Landes, schrieb Coolidge noch, wären schon für den folgenden Tag zu einer Vorsprache bei ihm angemeldet, er wüßte auch bereits im vorhinein, was sie ihm sagen würden, „but there is nothing I can answer“ 10°). Der Marburger Vorfall war ja für Coolidge — wenn man von der menschlichen Tragik, die er durchaus empfand, einmal absieht — neuerlich gefährlich, weil er der Miles-Mission eine „Propaganda“ zuteil werden ließ, die seine ganzen Anstrengungen in Frage stellten, für die er immerhin ein hohes Maß an persönlichem Risiko auf sich genommen hatte. Doch bald fiel in Paris die Entscheidung, daß man Coolidge umgehend darauf aufmerksam machen müßte, daß er viel zu weit gegangen sei. Kurz zuvor hatte bereits Ellis Loring Dresel, der selbst eine Mission in Deutschland geleitet hatte, darauf hingewiesen, daß weder die Unterzeichnung eines Vertrags noch irgendein Eingreifen wünschenswert wäre, zumal sich die Tendenz in allen Feindstaaten so darstelle, die amerikanischen Kommissionäre dazu zu bringen, als Schiedsrichter irgendwelcher Streitigkeiten zu fungieren, was aber ausschließlich Aufgabe interalliierter Missionen sei. ,,A maintenance of the present state seems advisable without formal ratification or disavowal“ ,ot). Das Telegramm an Coolidge * 101 102 *) war genau in diesem Sinne gehalten und illustriert deutlich, daß die amerikanischen Politiker und Diplomaten unbedingt zu vermeiden trachteten, in nationale Grenzstreitigkeiten verwickelt zu werden und sich die Rolle des alleinigen Schiedsrichters anzumaßen. Besonders hier zeigte sich wieder deutlich, daß die sogenannten „field missions“ lediglich die Aufgabe hatten, informativ zu wirken, d. h. Informationen nach Paris weiterzuleiten, daß ihnen aber andererseits immer die Rolle der Schiedsrichter zugespielt wurde; nicht zufällig handelte es sich auch hier um eine US-amerikanische Mission: Man wird hier durchaus einen Zusammenhang mit dem Wilson-Image ansetzen müssen, wie es damals auch in Österreich vorherrschte. Daß der Coolidge-Miles-Schiedsspruch in Paris durch die American Commission to Negotiate Peace mehr oder minder bewußt ignoriert wurde, läßt jedoch nicht den Schluß zu, daß die gesamte 100) Ebenda. 101) Ellis Loring Dresel to the Secretary General of the Commission to Negotiate Peace (Grew), 1919 Jänner 29: FR PPC 12, 499. 102) Hierin hieß es: „Attempts to settle boundary disputes by American Representatives should in future be avoided as outside of scope your mission. Such action even if temporary can only properly be taken by Interallied representatives and an assumption by United States of office of sole arbiter may well prove embarassing. In this case Commission neither ratifies nor disavows action taken but will not unless occasion requires interfere with status quo“. (Telegram of the Commission to Negotiate Peace to Minister in Switzerland [Stovall], Paris, 1919 Jänner 30: FR PPC 12, 500).