Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

454 Georg E. Schmid „Im letzten Augenblick griff [der] amerikanische Oberst in die Verhand­lungen ein und stellte folgenden Antrag: ,Beide Parteien einigen sich darauf, daß die Demarkationslinie für die Besetzung und Administration durch den amerikanischen Obersten festgesetzt werde. Derselbe begibt sich in Begleitung je eines Vertreters beider Parteien sofort nach Kärnten. Beide Parteien ver­pflichten sich, bis zur endgültigen Entscheidung der Friedenskonferenz den Waffenstillstand einzuhalten und nicht zu kündigen. Die vom Obersten gezo­gene Linie ist nur ein Provisorium und schafft kein Präjudiz für die Entschei­dung der Konferenz* “ so). Der Antrag wurde angenommen, laut Hoffinger von österreichischer Seite offenbar primär deshalb, „da [der] amerikanische Oberst erklärte, daß er aus einer Ablehnung [des Vorschlages] die Folgerung ziehen würde, daß die betreffende Partei unbedingt auf Erneuerung der Feindseligkeiten ausgehe“ 80 81 82 *). Am 20. Jänner kam der von Miles nach Wien gesandte Leutnant LeRoy King in der Hauptstadt an, um Coolidge von den Vorfällen per­sönlich zu berichten 81a). Zu diesem Zeitpunkt war zwar von Jugoslawen und Kärntnern noch nichts unterzeichnet worden, doch mußte es Coolidge bereits äußerst schwer fallen, sich noch zurückzuziehen und auf diese Weise das Vertrauen in seine Mission zu untergraben. Es scheint, daß Miles in Graz recht spontan gehandelt hat; Coolidge glaubte dann, seine Zustimmung nicht versagen zu können, nicht mehr zurückzukönnen, um die Mitglieder seiner Mission nicht zu desavouieren. Außer den selbstlosen Motiven, die Coolidge zur Überschreitung seiner Kompetenzen veranlaß- ten, mag auch eine Rolle gespielt haben, daß man seiner Mission über­haupt keine Bedeutung mehr beimessen würde, wenn er nunmehr sich von seinen Mitarbeitern lossagte und damit auch sich selbst bloßstellte, zumal dadurch auch offenbar würde, wie wenig Bedeutung seine Mission tatsächlich habe. Wäre Coolidge anders verfahren, hätte er seiner Mission im Grunde nach außen hin jenen Stellenwert sichtbar gegeben, den sie tatsächlich besaß. In einem Brief an seine Mutter gab Coolidge in der ihm eigenen trockenen Art zu: ,,It would be hard to exceed instructions further“ S2). Gleichzeitig sprach er die Befürchtung aus, daß Lansing die­ser Angelegenheit nichts weniger als wohlwollend gegenüberstehen werde. Am 22. Jänner, als der Vertrag von den beiden Parteien in Graz unter­zeichnet wurde, stand auch bereits fest, daß Coolidge zu dem Milesschen Schiedsspruch seine Zustimmung gegeben hatte8S). Der „Präsident der 80) Ebenda, aus der zuletzt erwähnten Depesche. 81) Ebenda. Vgl. auch Martin W u 11 e Kärntner Freiheitskampf (Weimar 21943) 150—151, wo der Vorschlag Miles’ abgedruckt ist. Kromer Frage Kärnten 49 bezieht sich auf diesen Vorfall nur kurz. 8ia) vgl. die Aufzeichnung über die Telephondepesche Hoffingers von Eich­hoff. Hier findet sich auch die Ankündigung der Reise Kings. Vgl. auch den Bericht Coolidges an die US-Kommission in Paris von 1919 Jänner 20: FR PPC 12, 498—499. 82) Coolidge Life and Letters 205. 8S) Vgl. die Aufzeichnung über die Stellungnahme der „amerikanischen

Next

/
Oldalképek
Tartalom