Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 445 Wien würde auf die Stufe von Stuttgart herabsinken. Besondere Beto­nung legte Gibson auf die verheerende Versorgungslage, die noch durch Heimkehrer und Flüchtlinge verschlechtert würde, allein in Wien gäbe es 125.000 Arbeitslose. Gibson zog allerdings kaum politische Schlußfolge­rungen, Coolidge zum anderen war sich deren durchaus bewußt, wenn­gleich er auch niemals in den Fehler verfiel, alles aus dem Blickwinkel einer irrationalen Bolschewistenfurcht zu sehen42). Der Umstand, daß Gibson innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne Gelegenheit hatte, die Verhältnisse in den betreffenden Ländern kennenzulernen und vor allem zu vergleichen, führte ihn zu der wichtigen Einsicht, daß die unterbroche­nen Verbindungen zwischen den neu entstandenen Staaten die Situation erheblich verschärften: „Not only in German Austria, but in all other countries we visited, there is an astonishing amount of ignorance in regard to conditions in neighboring countries. Communications are utterly demoralized, railroad travel is of course reduced to the limits of absolute necessity, and the newspapers seem to delight in the spread of troublemaking reports“ 43). ln Wien, schrieb Gibson, wäre man überzeugt, in Böhmen gäbe es Kohle in Hülle und Fülle, während dort ein vergleichbarer Mangel herrschte, die Tschechen andererseits behaupteten, in Wien liefe sogar die Luxusindustrie auf vollen Touren 44). In einem Punkt allerdings mag Gibson nicht ganz richtig gesehen ha­ben: Er interpretierte nämlich seine Beobachtungen bezüglich des An­schlusses dahingehend, daß der Anschluß nicht nur nicht populär wäre, sondern nach „fair elections“ keineswegs stattfinden könnte; die Be­wegung wäre von sozialdemokratischen Kreisen ausgegangen, jedoch auf eine starke Opposition gestoßen. Doch wenn auch Gibson auf­grund seiner eher flüchtigen Eindrücke gewisse Akzente falsch setzte, bleibt doch im großen und ganzen das Bild, das er von Deutschösterreich zeichnete, beachtlich, wenngleich seine Betonung des „morbid pessimism of nearly everybody in Austria“ etwas übertrieben erscheinen mag. Daß Coolidge andererseits genau in dieser Sache das Gegenteil nach Paris mitteilte — daß man in Wien gerade stolz darauf wäre, trotz aller widri­gen Umstände noch alles in Gang gehalten zu haben —, illustriert nicht zuletzt die Schwierigkeiten, denen sich die Friedensmacher in Paris 42) Die Frage, wieweit die Furcht vor dem Bolschewismus die Pariser Kon­ferenz beherrschte, kann noch nicht als völlig gelöst betrachtet werden. Einige Male entspannen sich jedenfalls im Viererrat heftige Diskussionen, ob Wien — wegen der angeblichen Gefahr einer Bolschewisierung — zu besetzen sei oder nicht. Vgl. etwa die Sitzungsprotokolle von 1919 März 27 und April 8 (11 Uhr vormittags): Paul Mantoux Les Déliberations du Conseil des Quatre (24 Mars—28 Juin 1919) (2 Bde, Paris 1955) 1, 52 ff, besonders 53—57 und 179. 43) Aus dem Memorandum Gibsons (vgl. Anm. 40) hier 230. 44) Ebenda 230—231.

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