Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

THOMAS, Christiane: Kampf um die Weidenburg. Habsburg, Cilli und Görz 1440–1445

10 Christiane Thomas solchen Lebensweise zu warnen. Chmel notiert die „rohen Sitten“ Heinrichs, der „grelle Beispiele“ von Willkür und Selbstsucht aufzeigt39). Für Hermann 40) ist Heinrich ein roher, entarteter Mann von unflätigen Sitten, „Trunk und jeder Art Ausschweifung ergeben“. Unter Berufung auf Aeneas steigert sich der Autor in durch die Quelle keineswegs berechtigter Übertreibung zu der Anklage, daß Heinrich neben der beschämenden Vorliebe, mit Buben auf dem Eis zu schleifen, sich mit „gemeinen Lustdirnen und Säufern“ unterhielt. Die Hervorhebung von Heinrichs Neigung zum Alkohol tut auch bei Antonini41) seine Wirkung. Der Graf ist ein „uomo bestialmente violente, cui la crapula aveva abbrutito“. Auch Czoernig42) kennt kein Bedenken, ohne Widerspruch die Aussprüche Aeneas’ zu übersetzen und damit Heinrich, der sich in gemeinster weiblicher Gesellschaft herumtreibt, als bildungs- und erziehungslos, trunksüchtig und zügellos abzustempeln. Ein Einlenken auf gemäßigtere Ausdrucksweise bahnt sich mit Teuffenbach43) an: Trunksucht, Verschwendung und Anwachsen der Schulden für die letzten Lebensjahre werden zwar nicht geleugnet, doch wird Heinrich, der mit vielversprechenden Geistesgaben ausgestattet zunächst ein „guter und tüchtiger Landesfürst“ war, damit entschuldigt, daß seine Erziehung vernachlässigt wurde. Es blieb der Forschung des 20. Jahrhunderts Vorbehal­ten, Aeneas’ niederschmetternde Darstellung, hinter der man stets den Ausruf „horribile dictu“ zu hören vermeint, kritisch zu beleuchten und auf ein ver­nünftiges Maß abzuschwächen. Cusin 44) brandmarkt Aeneas als Pseudo-Mora­listen, dem alle Historiker sozusagen blindlings folgen, Weingartner45) mahnt zur Vorsicht, da Aeneas als Anhänger Friedrichs IV. görzfeindlich gesinnt war, und auch Leicht befremdet es, daß Heinrich von einem berühmten Schriftsteller so vehement angegriffen wird 46). Mit Entschiedenheit weist besonders Venuti darauf hin, daß das Zeugnis des königlichen Sekretärs als Ausfluß der hart­näckig antifridericianischen Gesinnung des Görzers nicht ganz ernst zu nehmen ist: Heinrichs schwierige politische Lage, die durch militärisches Unvermögen bedingt ist, wird dabei überhaupt nicht bedacht47). Es wirkt doch einigermaßen eigenartig, daß gerade der nicht als männliches Schönheitsideal bekannte Fried­rich so verletzend über einen Reichsfürsten spöttelt. Das Unbehagen, das man bei einer solch einseitigen Charakterisierung empfindet, verdichtet sich somit zu dem Verdacht, daß neben der Über­einstimmung des Autors mit seinem der Mäßigkeit huldigenden Herrn versteckte Propaganda für den König und in moralisierendem Tonfall 39) Joseph Chmel Geschichte Kaiser Friedrichs IV. und seines Sohnes Maximilian I. 2 (Hamburg 1843) 265. 49) Heinrich Hermann Handbuch der Geschichte des Herzogsthums Kärnten in Vereinigung mit den österreichischen Fürstenthümern 1 (Klagen­furt 1860) 160 f. 41) Prospero Antonini II Friuli orientale (Milano 1865) 261. 42) Czoernig Görz 561. 43) Albin Teuffenbach zu Tiefenbach und Masswegg Kurzer Abriß der Geschichte der gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisca (Innsbruck 1900) 37 f. 44) Fabio Cusin II confine orientale d’Italia nella politica europea del XIV e XV secolo 2 (Milano 1937) 6. 4ä) Weingartner Die letzten Grafen 113. 4«) Gino Venuti La lenta agonia della contea di Gorizia in Gorizia nel medioevo. Secondo supplemento agli Studi Goriziani (Gorizia 1956) 51. 47) Venuti Agonia 50.

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