Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

426 Literaturberichte wärts. Es ist das Ergebnis jahrelanger Forschungen eines historischen Amateurs ohne Spuren von Dilettantismus. Dem ehemaligen Bühnen­bildner und Ausstattungschef des Wiener Burgtheaters kamen vor allem seine Erfahrungen als Architekt zugute. Eine fachgerechte Untersuchung der Schauplätze in der Hofburg und in Mayerling ermöglichte ihm eine Reihe wesentlicher Erkenntnisse und neuer Einsichten. Doch nicht nur hier konnte J. in vieler Beziehung Klarheit schaffen. Das Buch geht ausführlich auf die Vorgeschichte der Tragödie ein, wo­bei das pathologische Bild des Kronprinzen in vielen Einzelheiten neue Deutlichkeit gewinnt. Besonders verdienstvoll scheint mir jedoch die Be­handlung der letzten Stunden des Kronprinzen und der Baronesse Vetsera in Wien, der genaue, durch Planskizzen gestützte Zeitablauf vor der Abfahrt am 28. Jänner 1889. Sehr aufschlußreich erscheinen mir auch die Ausführungen von J. über die Vorgänge um das Begräbnis des Thron­folgers. Zur Klärung des sagenhaften Telgrammwechsels zwischen Wien und dem Vatikan legt der Vf. förmliche Tabellen an und kann so mit manchen Legenden aufräumen. Dabei geht er auch den zahlreichen Nach­richten über den Widerstand des Klerus innerhalb und außerhalb der Monarchie gegen Seelenmessen für Rudolf nach, wobei es sich herausstellt, daß die Wahrheit in kürzester Zeit allgemein bekannt war. Auch die Ausführungen über die Verlassenschaft des Kronprinzen er­gänzen in vieler Hinsicht unser Wissen. Sehr aufschlußreich — wenn auch nicht für das Problem unmittelbar — sind auch die illustrativen Unter­suchungen über die Sühnestiftung von Mayerling, namentlich über den Umbau des Schlosses. Alles in allem ist auch mit J. sicher nicht das letzte Wort über das rätselhafte Geschehen gesprochen, doch hat er uns weiter geführt. Die künftige Forschung darf über beide besprochenen Werke nicht hinweg­sehen, und dies bedeutet sehr viel angesichts des zahllosen Plunders, der jährlich über Mayerling publiziert wurde und publiziert wird. Die Histo­riker werden die Hilfe in diesem Fall dankbar begrüßen, denn sie können sich auch hier wie in zahlreichen ähnlich gelagerten „Rätseln der Ge­schichte“ vor der breiten Öffentlichkeit ihrer wissenschaftlichen Ver­pflichtung nicht entziehen, so gern sie es vielleicht manchmal möchten. Es wäre aber mehr als wünschenswert, wenn nur jene Publikationen zu diesem Thema die entsprechende allgemeine Aufmerksamkeit fänden, die so wie die Werke von Judtmann und Loehr auf ernster Arbeit beru­hen. Rudolf Neck (Wien) Ingeborg Meckling, Die Außenpolitik des Grafen Czernin. (Österreich Ar­chiv). Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1969. 371 S. Diese aufgrund umfassender Studien im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn verfaßte Arbeit über die Außenpolitik des Grafen Czernin stellt wohl einen der wertvollsten Beiträge zur Geschichte des Zusammenbruches der Habsburgermonarchie der letzten Jahre dar. In übersichtlicher Form wer­

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