Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

408 Literaturberichte Sozialpolitik auf viele Ansätze vor der Nazizeit zurückgreifen. Diagramme und Tabellen stützen die Ausführungen und machen sie zu einem sehr brauchbaren Behelf für Lehrende und zum Nachschlagen für jedermann geeignet. Weinzierl handelt über die Stellung der katholischen Kirche in der zweiten Republik. Der Wandel wird in seinen grundsätzlichen For­men umso deutlicher zum Ausdruck gebracht, als die Stellung der Vfn. innerhalb des österreichischen Katholizismus sie für diesen Gegenstand besonders legitimiert. Die Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, die sich durch zahlreiche Publikationen zur Sozialgeschichte, namentlich über die Arbeiterbewegung, große Verdienste erworben hat (Vgl. MÖStA 22 [1969] S. 385 ff), hat auch zahlreiche Arbeiten zur Zeit­geschichte veröffentlicht. So behandelt B 1 u d a u die im Grunde wider­spruchsvolle Genossenschaftspolitik der Nationalsozialisten und macht sie aus der Geschichte und sozialen Struktur der Hitlerbewegung verständlich. Steinbergs Studie über die Widerstandsbewegung und Verfol­gung in Essen steht nicht durchaus in Übereinstimmung mit den offiziel­len bundesdeutschen Meinungen und Lehren. Hier könnte diese Arbeit auch für Österreich exemplarisch werden, wo es auch noch im Hinblick auf die Problematik des Widerstandes gilt, mit Legenden aufzuräumen. St. hat in seiner fleißigen Arbeit vor allem die sozialen Aspekte hervor­gekehrt, ohne die zahlreichen anderen Komponenten zu vernachlässigen. Besonderen Wert legt er auf die Feststellung einer den ganzen Zeitraum umspannenden Kontinuität. Aus der Schule von P. Scheibert geht die Feldstudie von Döring hervor, auf einem Gebiet, dem eine große aktuelle Bedeutung für die wirtschaftlichen Probleme der kommunistischen Staaten Osteuropas zu­kommt. Die Arbeit basiert auf einer unerwartet breiten Materialbasis. Im Volkswirtschaftsrat für den Nordrayon, hervorgegangen aus dem Petrograder Zentralrat, exemplifiziert sich die Problematik der Wirt­schaf tsräte, lange vor der Ära Chruschtschow. Dieser Versuch einer dezen­tralisierten Wirtschaftsordnung scheiterte letzten Endes am Bürgerkrieg in Rußland, der die Umkehr zum Zentralismus erzwang, wie auch die Überleitung zur NEP und zu den Fünfjahresplänen. Von hervorragender aktueller Bedeutung ist auch, vor allem im Hin­blick auf die letzte Phase der bundesdeutschen Ostpolitik, die Arbeit von Schubert, die das Münchener Institut herausgebracht hat. Gegenstand sind die Auseinandersetzungen um die politische Orientierung Bonns 1950—-1952 im Hinblick auf die deutsche Wiederbewaffnung. Der Vf. geht ausführlich auf die Argumentationen in der Kontroverse zwischen Aden­auer, Strauß usw. und Schumacher und vielen anderen Warnern aus den verschiedensten Lagern ein. Auch die Vorgeschichte bis zum entscheiden­den Schock des Korea-Krieges wird dargestellt. Schumacher verlangte vor allem ein größeres Engagement seitens des Westens, vor allem aber die Unterordnung unter dem Hauptziel der deutschen Wiedervereinigung. Der Vf. geht auf alle Nuancen ein, die sich in der Auseinandersetzung jemals geltend gemacht haben. In der Frage der Neutralisierung wird m. E. der Fall Österreich zu wenig berücksichtigt.

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