Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

HÖFLECHNER, Walter: Die „Regule ad extrahendum litteras ziferatas sine exemplo“

Die „Regule ad extrahendum litteras ziferatas sine exemplo' 379 Von wesentlicher Bedeutung sind aber auch die Schlußzeilen: „Possunt tamen predicte regule decludi multipliciter, utputa scribendo per zifras partim litteram in vulgari et partim in latino; item interponendo et appo­nendo in littera zifras nullas litteras representantes et maxime dictionibus unius vel duarum aut trium zifrarum vel litterarum; item scribendo cum duobus alphabetis zifrarum omnino diversis; item ponendo unam zifram solam loco q et u.“ Perret gesteht nun Simonetta wohl die Kenntnis doppelter Alphabete zu9), mißt dem jedoch keine besondere Bedeutung zu. Bedenklicher stimmt dieser Umstand schon Meister10 *), der die sich ergebende Diver­genz auf den Umstand zurückführt, daß diese Regeln wohl zur Entschlüs­selung weniger komplizierter Systeme dienen sollten, wie sie vielleicht anderswo verwendet wurden. Für Mailand — für das Meister einen weit komplizierteren Schlüssel aus dem Jahre 1448 kennt — ergebe sich damit wohl die Annahme eines Vorsprungs im Chiffrenwesen. Dies freilich auf der schmalen Grundlage einiger weniger Schlüssel, die Meister lediglich kannte: der Schlüssel von 1448 steht für Meister allein, der zeitlich nächste datiert vom Jahr 1483. Diese Interpretation des gegebenen Sachverhalts bei Meister ist jedoch unverständlich, weil Meister für mehrere oberitalienische Staaten z. T. weitaus kompliziertere Schlüssel aus früherer Zeit kennt, als dies beim mailändischen Schlüssel von 1448 der Fall ist u). Als weiterer — und wegen seiner Materialfülle wohl überzeugendster — Beweis für den Stand des Chiffrenwesens in Oberitalien, aber ganz besonders eben für Mailand und damit für die von Cicco Simonetta selbst geleitete Cancelleria segreta lassen sich die zahlreichen und vollausgebil- deten, mit allen Schikanen versehenen Schlüssel aus dem Chiffrenproto­koll des Francesco Tranchedino anführen12). Das darin enthaltene Ma­terial ermöglicht einen umfassenden Überblick über den Entwicklungs­stand des mailändischen Chiffrenwesens. Auf Grund der in das Protokoll auf genommenen, durch Entzifferungsversuche gewonnenen Schlüsselfrag­mente auswärtiger Chiffren läßt sich auch aus dem CVP 2398 erkennen, daß anderswo ebenfalls regelmäßig mit mehrfachen Alphabeten gearbeitet wurde 13). ») Perret Les régies 517: „...Simonetta semble avoir eu quelque notions des chiffres ä alphabet double,.. io) Meister Anfänge 27. >>) So etwa der Schlüssel aus dem Jahre 1435 aus Modena, der in den Konsonanten drei und für die Vokale vier Durchgänge aufweist, breviores dictiones, zahlreiche Nulle und einen Nomenklator bringt; Meister Anfänge 35 f. Ähnlich weitere Schlüssel aus Modena, die Schlüssel aus Mantua um 1400 mit bis zu vier Durchgängen, Nulle; schließlich die hochentwickelten Schlüssel aus Florenz und Siena aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. 12) österreichische Nationalbibliothek Wien Handschriftensammlung CVP 2398, jetzt in vollständiger Faksimile-Ausgabe in den Codices Selecti (Graz 1970). Der Codex enthält die von der Cancelleria segreta im Schriftverkehr mit aus­wärtigen Agenten, Gesandten etc. verwendeten Chiffren, insgesamt rund 300 Schlüssel, die sich über den Zeitraum von 1450 bis 1496 erstrecken, is) Siehe CVP 2398 fol. 22 v, 92 r und 152 v.

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