Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 23. (1970)

MECHTLER, Paul: Dalmatien und die österreichische Eisenbahnpolitik

184 Paul Meditier den drei von der Generalinspektion ausgearbeiteten Verbindungslinien einzubringen. Durch den gleichzeitigen Bau von Zweigbahnen sollte den Wünschen der großen Hafenstädte möglichst Rechnung getragen werden. Der Entwurf sah analog den anderen zu dieser Zeit eingebrachten Eisen­bahnvorlagen die Konzessionserteilung an eine private Gesellschaft mit staatlicher Garantie oder die Ausführung als Staatsbahn vor, wofür bereits als erste Rate eine Summe von 3,000.000 fl. vorgesehen war. Die Staatsgarantie wurde auch für Teilstrecken zugesichert, da es dem Han­delsministerium nicht gelungen war, „von seiten der ungarischen Regie­rung, welche diesfalls seit dem Jahre 1870 wiederholt und zuletzt all­monatlich (!) angegangen wurde, eine bindende Zusicherung oder nur eine schriftliche Bekanntgabe ihrer Intention bezüglich der Ausführung der Anschlußlinie zu erlangen“ 13). Die Vorlage wurde zwar parlamen­tarisch verabschiedet (30. April 1873, RGBl. Nr. 80); aber die endgültige Fassung enthielt zwei wesentliche Änderungen: wie der Führer der Libe­ralen, Dr. Herbst, offen zugab, wurde aus Gründen „staatsrechtlicher Na­tur“ der Passus über einen eventuellen Staatsbahnbau gestrichen und eine Zusatzbestimmung aufgenommen, daß mit der Konzessionserteilung erst dann vorzugehen sei, wenn die Verbindung mit dem kroatischen Bahn­netz durch ein entsprechendes Übereinkommen sichergestellt sei. Damit geriet wieder die Angelegenheit des Eisenbahnbaues in Dalmatien ins Stocken; ob eine Verpflichtung ungarischerseits bestanden hätte, den Bau der Anschlußlinie von Ogulin zur Grenze aus den Mitteln des sogenannten Grenzwälderfonds zu finanzieren, war eine juridische Streitfrage. Diese — auf weite Sicht gesehen — unkluge Entscheidung des Abgeordneten­hauses ist mehr oder minder bewußt durch zwei Faktoren beeinflußt worden: 1871 hatte im ungarischen Reichsrat Franz Pulszky bereits offen erklärt, daß „Dalmatien demjenigen Teil der Monarchie zufallen werde, dem es gelänge, das Land durch eine Eisenbahnverbindung in seinen wirtschaftlichen Bereich zu ziehen“ u). Außerdem war es nur eine Frage der Zeit, daß in Dalmatien infolge des schrittweisen Zurückdrängens des italienischen Elements die Strömungen für eine politische Verbindung mit Kroatien die Oberhand gewinnen würden. Dieser Schwebezustand wirkte sich zweifellos auch auf die Budgetpolitik in Wien aus; allerdings wäre erst zu untersuchen, in welcher Höhe finanzielle Beiträge effektiv aus anderen Kronländern für eine „Entwicklungshilfe“ in Dalmatien ge­leistet wurden. Wenige Tage nach der Verabschiedung der dalmatinischen Eisenbahn­vorlage brach infolge des „Schwarzen Freitags“ an der Wiener Börse iS) iS) VA HM ZI. 15046/C1/1874. is) Omega Was soll mit Bosnien geschehen? Wem gehört Dalmatien? (Wien 1910) 57. Nach der Diktion dürfte Omega ein österreichischer Rechts­historiker gewesen sein.

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