Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs

Rezensionen 483 L. Briguglio entwickelt in den sieben Kapiteln seiner Untersuchung die Grundlagen und Voraussetzungen für diese politische Haltung der vene­zianischen Bevölkerung. Ohne auf den näheren Inhalt der einzelnen Ka­pitel einzugehen, darf vielleicht ein naheliegender Einwand behandelt werden: der Verf. hat für die Ausarbeitung dieser Studie im wesentlichen nur die im Archivio Cavaletto vorhandenen Quellen herangezogen und nicht die österreichischen Akten, die für die Beurteilung der politischen Strömungen doch in erster Linie bestimmend sein müßten. Dieser Einwurf ist nur teilweise richtig und trifft nicht völlig den Kern der Sache. Briguglio wollte in erster Linie ja nicht auf den österreichisch-italienischen Gegensatz in Venetien eingehen oder vielmehr von ihm ausgehen, ihm kam es darauf an, zu zeigen, wie sich dieser Gegensatz in den politischen Strömungen im Lande manifestierte, soweit sie vom Königreich Italien her Richtung und Lenkung erfuhren. In dieser ideengeschichtlichen Unter­suchung geht es nicht mehr um die österreichische Herrschaft in Venetien, sie ist für die damals politisch interessierten Kreise zwischen 1859 und 1866 nur mehr eine Okkupation auf Abruf und nur in dem sehr interessan­ten Kapitel VI: „Governo austriaco e circolazione delle idee“ kommt die Präsenz Österreichs noch stärker zum Ausdruck. Dieses Werk geht von der üblichen Darstellung einer diplomatischen, kriegerischen oder polizeilichen Aktion ab und versucht, eine Struktur­analyse des politischen Habitus der Bevölkerung zu geben. Der Versuch muß als geglückt bezeichnet werden, denn durch ihn wird mehr zu Tage gefördert als in einer Abhandlung über ein bestimmtes militärisches oder politisches Ereignis. Hier werden nämlich Grundtendenzen und Haltungen sichtbar, aus denen sowohl auf deren Voraussetzungen als auch deren Folgen geschlossen werden kann. Die von dem Großteil der Bevölkerung geübte politische Abstinenz, der politische Indifferentismus breiter Schichten hinsichtlich der von jenseits des Mincio ausgehenden Bestrebungen hat vor allem die eine gemeinsame Wurzel: die schwierige und teilweise hoffnungslose ökonomische Situation im Venezianischen. Österreich konnte in Venetien zwischen 1859 und 1866 mit einem Anhang unter der Schicht der Großgrundbesitzer, des hohen Klerus und Adels, der höheren Beamtenschaft und zum Teil auch unter der bäuerlichen Bevölkerung rechnen; diese Kreise wollten vor allem Ruhe und für sie waren die Symbole von Thron und Altar, auch wenn es sich dabei um den österreichischen Doppeladler und die schwarz-gelbe Fahne handelte, sympathischer als etwa die garibaldinischen Rothemden und die italienische Trikolore. Die Hauptkräfte der politischen Bewegung stellte das liberale Bürgertum und seine Führung lag, das macht Brigug- lios Werk offenkundig, bei den politisch engagierten Kräften der vene­zianischen Emigration. Diese anregende Studie verdient nach verschiedenen Richtungen hin ausgebaut und fortgesetzt zu werden, denn sie ist tatsächlich geeignet, ohne Emotionen und falschen Patriotismus der Geschichte des italienischen Risorgimento ihren geistesgeschichtlichen Hintergrund zu vermitteln, auf den projeziert die ganze Bewegung erst ihre eigentliche, gültige Ausprä­gung erfährt. 31*

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