Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)
ZAUNER, Alois: Die Pfarrarchive Oberösterreichs
Rezensionen 471 Madonizza nahm bereits an den Vorverhandlungen, in denen die Eröffnungssitzung vorbereitet wurde, teil und besuchte dann nach der feierlichen Eröffnung der Parlamentsession durch Erzherzog Johann regelmäßig die Sitzungen, deren Chronist er durch seine Briefe wurde. Nach der Einnahme Wiens durch Fürst Windischgrätz wurde die verfassunggebende Versammlung am 1. November auf den 15. November vertagt und Madonizza benützte die Unterbrechung, um unterdessen in die Heimat zurückzukehren. Nach Kremsier, wohin die verfassunggebende Versammlung nach den Oktoberereignissen in Wien verlegt worden war, nahm Madonizza dann seine Gattin mit, so daß er, wir müssen heute sagen leider, nicht mehr genötigt war, seine täglichen Briefe abzufassen. Vom Aufenthalt in Kremsier und der dortigen Tätigkeit des italienischen Deputierten Madonizza waren offenbar nur mehr sehr spärliche Berichte aufzutreiben. Der Herausgeber hat im Anhang noch 10 Dokumente, die auf diese Periode Bezug haben, ediert, darunter vier Briefe der Gattin Mado- nizzas aus Kremsier. Die Briefe bieten trotz ihres familiären Charakters eine Fülle von Nachrichten sowohl allgemeiner Art als auch Schilderungen über die Vorgänge in der Residenzstadt. Der wichtigste und wesentlichste Inhalt sind ohne Zweifel seine Bemerkungen über die Verhandlungen und Debatten im Parlament. Madonizza stand auf der Seite der Opposition. Er verfocht zusammen mit den meisten nichtdeutschen Nationalitäten einen möglichst weitgehenden Föderalismus, besonders ereiferte er sich gegen die den deutschsprachigen Österreichern zugeschriebenen zentralistischen Tendenzen. Er schloß sich eng an die polnische Abgeordnetengruppe und deren Sprecher Lubomirsky an. Er nahm, obwohl der deutschen Sprache nicht völlig mächtig, regen Anteil an den Debatten, in die er mitunter selbst eingriff durch Anträge und Interpellationen. Aus seinen Briefen entsteht ein recht anschauliches Bild von der Sprachenverwirrung in der ersten österreichischen verfassunggebenden Versammlung — „la Babele si va organizzando“ (Dok. Nr. III). Er charakterisiert offen und ungeniert den Hof und seine Kreise und steht offenkundig mit seinen Sympathien auf der Seite des Volkes von Wien. Für die Vorgänge in Wien während des verhängnisvollen Oktobers 1848 sind die Briefe Madonizzas eine wertvolle Quelle speziell für die Beurteilung der Haltung des in Wien tagenden Parlaments zu diesen Vorgängen. Es ist nicht Aufgabe dieser Besprechung auf den Inhalt der Briefe näher einzugehen, es sei hier nur eindringlich auf ihren Quellenwert hingewiesen. Giovanni Quarantotti hat die Briefe mit Sorgfalt ediert; eine eingehendere Kommentierung wäre wünschenswert, aber offenbar konnte er sie, mit den lokalen Gegebenheiten nicht vertraut, nicht geben. Das schmälert nicht den Wert seiner Edition, die eine für die österreichische Geschichte wichtige und interessante Quelle erschlossen und zugänglich gemacht hat, wofür ihm und der Deputazione di Storia Patria per le Venezie aufrichtiger Dank gebührt, denn im gründe hat diese Veröffentlichung größeres Interesse für die österreichische als für die italienische Geschichtsschrei-