Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

VAGO, Bela: Österreichische konsularische Interventionen in der Walachei und der Moldau gegen antijüdische Ausschreitungen (1801–1803)

österreichische konsularische Interventionen in der Walachei 447 Auf innerpolitischem Gebiet gab es oft Juden betreffende Probleme, die den österreichischen Diplomaten zur Einmischung Anlaß boten. Durch die Eingliederung der Bukowina und Galiziens kamen viele Juden unter österreichische Herrschaft, die früher schon enge Beziehungen zu den moldauischen und walachischen Juden unterhalten hatten. Im Handel, der sich in nord-südlicher Richtung abwickelte, waren die dortigen Juden in enger Verbindung mit ihren Glaubensgenossen in der Bukowina und Galizien tätig. Infolge ihrer Zusammenarbeit gelang es ihnen oft, die Zollverpflichtungen zu umgehen, und im allgemeinen spielten sie eine wichtige Rolle in der Ausdehnung des Handels zwischen den rumänischen Ländern und den österreichischen Gebieten. Da an der nördlichen Grenze der Moldau der Bewegungsfreiheit der Kaufleute keine Hindernisse im Wege standen, vermehrte sich am Ende des XVIII. Jahrhunderts die Zahl der österreichisch-jüdischen Untertanen sowohl in der Moldau, als auch in der Walachei2). Die sogenannten österreichischen Untertanen suchten mit ihren Be­schwerden oft die österreichischen Konsulate in Bukarest und in Jassy auf. Merkelius und Timoni, die sich beide als freisinnig erwiesen, zeigten sich oft — dem josephinischen Geiste entsprechend — bereit, bei den Behörden zu Gunsten der sich an sie wendenden Juden zu intervenieren. * Die Jahrhundertwende bot den zwei Konsuln reichlich zu Interventio­nen Gelegenheit. Am Ende des XVIII. Jahrhunderts und am Anfang des vergangenen herrschten chaotische Zustände im wirtschaftlichen und politischen Leben der Fürstentümer, besonders in der Walachei. Der Aufstand Pasvand- Oglu’s und die Entstehung seiner quasi-unabhängigen Herrschaft der Donau entlang wühlten auch die Ruhe der beiden rumänischen Länder auf. Die Pforte sah sich zur Steigerung der Steuer gezwungen, wodurch die wirtschaftliche Lage und die Moral der Bevölkerung neue Erschütte­rungen erlitt. Die Teuerung nahm zu, und außer Pasvand-Oglu’s Überfäl­len trugen Erdbeben, Seuchen und andere Naturereignisse zur Verschlech­terung der allgemeinen Lage bei 3). Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die politische Verwirrung und der Mangel an allgemeinem Sicherheitsgefühl bereiteten den Boden zu Massenausschreitungen und Aufruhr, die oft mit antijüdischen Ausbrüchen zusammenfielen. In der Atmosphäre der Umwälzung und Verwirrung gab eine Ritu­almord-Beschuldigung im April 1801 Anlaß zu einem Pogrom in Bukarest, * 8 2) Die moldauischen und walachischen Behörden anerkannten die galizischen und bukowinaer Juden als österreichische Untertanen. („Untertan“ verwandelte sich in das rumänische „tärtan“, Spottname für Jude.) 8) Der französische Konsul in Bukarest meldete nicht ohne Grund im Früh­jahr des Jahres 1803, daß Bukarest die teuerste Stadt der Levante wäre (Germaine Leb el, La France et les Principautés Danubiennes, Paris 1955, S. 239.) — Erdbeben erschütterten die Walachei 1790, 1793, 1794 und 1802. — Pestseuche und Hungersnot forderten viele Opfer 1795.

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