Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 21. (1968)

SPRUNCK, Alphonse: Verteidiger der Interessen Österreichs in den südlichen Niederlanden während des Spanischen Erbfolgekrieges 1709–1714

104 Alphonse Sprunek erlaubt hätte, unabhängig von jeder Unterstützung seiner Freunde zu leben. Auch für den Historiker, der die Memoiren von Merode-Westerloo nicht vorher gelesen hat, tritt dessen eigenwillige und selbstbewußte Per­sönlichkeit aus seinen Briefen stark hervor. Die von Hortiz sind ganz sachlich und überlegen gehalten; Klagen über persönliche Angelegen­heiten sind darin selten. Sie zeigen einen treuen und zuverlässigen Kanz­leibeamten, den der gekrönte Bürokrat Philipp II. sehr hoch einge­schätzt hätte. Die Ansprüche Frankreichs auf den Thron seines Heimat­landes, das Ludwig XIV. schon vorher erniedrigt hatte, sah er als ein frevelhaftes Unternehmen an, das im Falle des Erfolges alle europäischen Monarchen zu dessen Vasallen gemacht hätte. Vom Schutz der göttlichen Vorsehung über das Haus Österreich war er fest überzeugt. Aus den Briefen Hortiz’ versteht man genau, daß die englischen und holländischen Staatsmänner schon lange vor dem Vertrag von Utrecht bereit waren, ihre Versprechen gegenüber Österreich zu vergessen, ab­gesehen davon, daß auch ihre Länder durch den langen Krieg erschöpft waren. Klarer als er hatte Merode-Westerloo vorhergesehen, daß der Kaiser die niederländischen Provinzen nur erwerben könnte unter Bedin­gungen, die für ihn eine Demütigung waren und auch seine Nachfolger hindern würden, aus ihrem Erwerb große Vorteile zu ziehen. Der lange Kampf der Bourbonen und Habsburger um den spanischen Königsthron war ein „Erbfolgekrieg“ in wörtlichem Sinne. Vor dem Aus­bruch des Krieges waren durch den Tod des bayrischen Prinzen, den der „éternél moribond“ Karl II. testamentarisch zu seinem Erben eingesetzt hatte, Abmachungen über die Aufteilung seiner Monarchie hinfällig ge­worden. Merode-Westerloo betont in seinen Memoiren ganz scharf, daß der Tod Kaiser Josephs für Österreich viel verhängnisvoller war, als der Umschwung in der Londoner Regierung und die Intrigen Frankreichs. Große Bedeutung legte Hortiz dem unerwarteten Tode zweier franzö­sischer Prinzen bei; als mutmaßlicher Nachfolger Ludwigs XIV. blieb nur ein kleiner schwächlicher Knabe, der spätere Ludwig XV., zurück. Dadurch war eine Verbindung der Kronen von Frankreich und Spanien, trotz den Bestimmungen des Utrechter Friedens, in greifbare Nähe ge­rückt. Nach dem Tode der Königin Anna, die lange vorher erkrankt war, konnten die Anhänger des Hauses Stuart versuchen, in London ihre Pläne durch eine Volkserhebung oder einen Bürgerkrieg durchzusetzen. Auch schwere Erkrankungen fürstlicher Persönlichkeiten waren für Politiker dieser Zeit wichtige Ereignisse, die sie bei ihren Erwägungen über internationale Fragen in Betracht ziehen mußten. In Frankreich war damals eine Prophezeiung verbreitet, Ludwig XIV. würde alle seine direkten Nachkommen überleben. Auch Philipp von Anjou und seine savoyische Gemahlin waren längere Zeit schwer erkrankt. Hortiz war ganz geneigt, von jedem wichtigen Ereignis und jeder inneren Schwierig­keit in einem großen Lande Folgen zu erwarten, die einen Umschwung

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