Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BLAAS, Richard: Die Archive im Bereich des Kulturgüterschutzes

Rezensionen 531 Verschiedentlich Themen zu dieser Problematik bearbeitet, aber ihre Er­gebnisse konnten in den großen Gesamtdarstellungen der österr. Ge­schichte von Hantsch und Zöllner nur andeutungsweise erwähnt werden, die eigentlich umfassende Darstellung der franzisko-josephinischen Zeit, in der auch der Geschichte der 70er und 80er Jahre der gebührende Platz ein­zuräumen wäre, ist bis heute ungeschrieben. Aus diesen Gründen muß das neue Buch von William Jenks schon deshalb begrüßt werden, weil es eine empfindliche Lücke unseres Geschichtsbildes zu schließen sucht. Jenks hat schon vor fast zwanzig Jahren mit seiner Dissertation über die Wahlreform von 1906 sich als Forscher der österreichischen Innen­politik bewährt und er hat in verschiedenen Studienaufenthalten in Öster­reich in den Jahren 1954 bis 1964 in gründlicher Forschung den Quellen zur Taaffezeit nachgespürt. Die Aufgabe war nicht leicht, da durch den Justizpalastbrand von 1927 ein großer Teil der Akten des österreichischen Ministerratspräsidiums verloren gegangen ist. Jenks hat sich bemüht, diese Lücken durch kritische Verwertung der Zeitungen und Zeitschriften zu ergänzen, er hat die Parlamentsprotokolle durchgearbeitet und auch alle in den letzten Jahrzehnten in Österreich verfaßten und bisher unver­öffentlichten Dissertationen erfaßt. Er hat darüber hinaus auch aus den Mikrofilmbeständen der University of California Berichte der deutschen Diplomaten in Wien heranziehen körmen, die in der „Großen Politik der europäischen Kabinette“ nicht aufgenommen worden waren, und die sich als interessante Quelle für die Beurteilung vor allem der deutschen Parteien in Österreich erwiesen haben. Jenks hat in seinen Österreich- Aufenthalten auch die Nachlässe verschiedener Politiker der Taaffe-Zeit aufzuspüren gesucht, doch erwies sich, daß das Nachlaßmaterial politisch nur wenig aufschlußreich war — wenn man von den in ihrer Gesamt­heit leider immer noch nicht verwerteten Materialien des Plener-Nach- lasses absieht. Das Ergebnis der Forschungen Jenks’ ist eine minuziöse, sehr detaillierte Darstellung der Politik des Kabinetts Taaffe von der Militärvorlage des Jahres 1879, über den Streit über die Errichtung einer tschechischen Universität in Prag, den Kampf um die Staatssprache, die Wahlreform von 1882, die Nordbahnkontroverse und die Sozialpolitik bis zum böhmischen Ausgleichsversuch von 1890 und den Rücktritt des Ministerpräsidenten. Jenks kommt bei aller Einzelkritik gegenüber den maßgebenden Staatsmännern doch zu einem Gesamturteil, das weit posi­tiver ausfällt, als die meisten bisher vertretenen Auffassungen. Mit gutem Einwand kann Jenks darauf verweisen, daß es doch zweifellos ein Erfolg der Politik Taaffes war, daß er trotz der scharfen Gegensätze politischer, sozialer und nationaler Natur es vermochte, das Land vierzehn Jahre lang in Ordnung zu regieren; Taaffe hat es zweifellos nicht vermocht, die sich bekämpfenden Nationalitäten in Österreich miteinander zu versöhnen, doch Jenks weist mit Recht darauf hin, daß seine sog. Nachgiebigkeit gegenüber den Tschechen nicht nur von der negativen Interpretation der deutschen Nationalisten her beurteilt werden dürfe. Staatspolitisch war es zweifellos ein Erfolg, daß Taaffe die Tschechen zur Rückkehr in den Reichsrat zu bewegen vermochte. Mit besonderem Nachdruck sollte man aber meiner Ansicht nach die Feststellung Jenks’ herausheben: „Taaffe war der erste Ministerpräisdent, der die Deutschen dazu zwang, die 34*

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