Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
252 Horst Brettner-Messler großen Ziele gelten, als welches mir dermalen wie auch bisher die Lösung der serbischen Frage und damit im Zusammenhang die Wiedergewinnung der Herrschaft am Westbalkan erscheint“ 33). Berchtold muß Tisza die Einwände des Chefs des Generalstabes mitgeteilt haben, denn der ungarische Ministerpräsident geht in einer Denkschrift vom 25. VIII. auf den militärischen Aspekt einer Operation gegen die Türkei näher ein. Er stellt zunächst fest, daß eine militärische Aktion wohl äußerst unwahrscheinlich sei, wenn jedoch der Monarchie ein Eingreifen aufgezwungen werde, dann müsse dies auch in entsprechender Form erfolgen. Der ungarische Ministerpräsident schlägt nun vor, die Monarchie könnte die zu einem Vorgehen gegen Konstantinopel erforderlichen Truppen „. . . im Donauthale und dann auf rumänischen oder serbischen Boden auf den Kriegsschauplatz senden.“ Bei einer gemeinsamen Aktion mit Rußland sei ein Widerstand seitens Belgrads nicht zu befürchten, sollte dies dennoch der Fall sein, dann könnte die Gelegenheit zu der von militärischer Seite so oft geforderten gründlichen Abrechnung mit Serbien ausgenützt werden. „Es ist nicht denkbar,“ fährt Tisza sodann fort, „dass unsere Heeresleitung diese Aufgabe als militärisch unmöglich hinstellen könnte. Wäre dies der Fall, so bliebe uns nichts Anders übrig, als auf den Wahn, eine Großmacht zu sein, sofort zu verzichten . . . Sind wir nicht im Stande mit Russland gegen die Türkei aufzutreten, so fehlt jede reale Voraussetzung unserer aktiven Teilnahme an der europäischen Politik. Dann haben wir uns als den kranken Mann Europas selbst gestempelt“ 34). Am 28. August unterbreitete Berchtold dem Kaiser diese Denkschrift und erläuterte anschließend nochmals seinen Standpunkt in der Adrianop- ler Frage. Da Conrads Gutachten vom 17. August seinen Ansichten weitgehend entgegenkam und zweifellos den gegebenen militärischen, finanziellen und politischen Schwierigkeiten Rechnung trug, sprach sich auch der Außenminister gegen eine zu umfangreiche militärische Operation aus. Abschließend führte Berchtold noch folgende gewichtige Gründe gegen eine Kooperation mit dem Zarenreich an: „Die Konsequenzen des vollständigen türkischen Zusammenbruches und unsere Kooperation mit Rußland gegen die sehr bedeutenden Interessen Deutschlands an der Erhaltung der Trürkei wären unabsehbar. Im Gegensatz zu dieser Eventualität schiene es ungleich vorteilhafter, wenn die von Natschevics angestrebten direkten Pourparlers zwischen Bulgarien und der Türkei — 33) A. M. D. Ill: S. 412 ff. (Brief Conrads vom 17. VIII. 1913). Bereits am 2. VIII. 1913 hatte Pomiankowski auf die großen Schwierigkeiten einer militärischen Operation gegen die Türkei hingewiesen. (A. M. D. Ill S. 391 ff. Bericht Pomiankowskis vom 2. VIII. 1913, präs. 9. VIII. 1913). 34) Ö.-U. A. VII: n. 8474.