Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

248 Horst Brettner-Messler ganzen in dem Sinne, daß wir den Russen den Osten, also die Türkei und dafür freie Hand im Westen, d[as] i[st] gegen Serbien, Montenegro und Albanien erhalten“. So verlockend dieser Plan auch sein mochte, seine Realisierung war jedoch nicht möglich, denn Deutschland, Frankreich und England waren wirtschaftlich viel zu stark in Südwestasien engagiert, um eine Machtverschiebung ruhig hinzunehmen. Nemes hatte in der Unterredung vom 27. Juli darauf hingewiesen, daß bei einem Anschluß Serbiens .. auch das Votum der beiden Mini­sterpräsidenten etc. einzuholen wäre ..Diesen sehr berechtigten Ein­wand suchte Conrad mit dem Hinweis zu entkräften. .. daß, wenn der Minister des Äußern einen solchen Vorgang für Bestand und Sicherheit der Monarchie für notwendig erachtet, die sonstigen Bedenken zu schwei­gen haben“ 25). Da Deutschland während der letzten Monate oft wenig Verständnis für die Balkanpolitik der Donaumonarchie gezeigt hatte, entschloß sich Berch- told dem Alliierten die südslawische Frage und die künftige Politik der Monarchie offen darzulegen. Daher verfaßte er nach eingehender Beratung mit seinen Referenten eine ausführliche Denkschrift, die er am 1. August an Szögyéni sandte. Der Erlaß zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil beschäftigt sich der Außenminister mit dem Verhältnis Österreich-Ungarns zu Serbien. Wie bereits erwähnt dürfte der Außenminister bei der Ab­fassung der Denkschrift neben Forgach, Szapáry, Hoyos, Nemes und Musulin auch Conrads zu Rate gezogen haben. „Das Wesen des Gegensatzes zwischen uns und Serbien besteht darin“, definiert Berchtold, „daß die serbische Politik seitdem die großserbische Partei zur Macht gelangt ist und unter fremden Einfluß die großserbische Idee zum leitenden politischen Gedanken erhoben hat, als letztes Ziel die Vereinigung aller Serben im Schoße des serbischen Nationalstaates und somit die Loslösung der von Serben bewohnten Gebiete von der Monarchie anstrebt. Dieser Gegensatz ist ein dauern­der und unüberbrückbarer, da die Verwirklichung der großserbischen Idee . . . heute nicht mehr das Programm einer Partei darstellt, son­dern zum nationalen Ideal des ganzen serbischen Volkes geworden ist, und da sie andererseits einen siegreichen Konflikt mit der Monarchie zur Vorbedingung hat. Es zeugt von einer Verkennung dieser fundamentalen Interessenkollision, wenn man uns in Berlin als Arcanum zur Sanierung unseres Verhältnisses zu Serbien wohlwollendes Entgegenkommen in politischer Hinsicht auf eine Annäherung auf wirtschaftlichem Gebiet anpreist“. Da die Donaumonarchie keine bewaffnete Auseinandersetzung mit 25) Ebenda: S. 409 ff. (Brief Conrads an Berchtold vom 30. VII. 1913). Dieses Schreiben Conrads hat auf Berchtolds Denkschrift vom 1. VIII. 1913 keinen entscheidenden Einfluß.

Next

/
Oldalképek
Tartalom