Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
238 Horst Brettner-Messler Balkankrieg seine Kriegstüchtigkeit unter Beweis gestellt, da es jedoch die Hauptlast des Krieges getragen hatte, erlitt es auch die größten Verluste an Menschen und Kriegsmaterial, während die serbische und griechische Armee weit weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nach einem Bericht des deutschen Militärattaches in Sofia Major von Massow, betrug die Zahl der serbisch-griechischen Kriegsbereiten 350.000—400.000 Mann, während Bulgarien lediglich über ungefähr 250.000 Gewehre verfügte 97). In der Zeit vom 25. Juni bis 3. Juli befand sich Conrad in Oberösterreich und, reiste anschließend nach kurzem Aufenthalt in Wien nach Klein Hardt und Innichen 98). In einem äußerst aufschlußreichen Brief an Berchtold setzte sich der Chef des Generalstabes eingehend mit der Lage auf dem Balkan auseinander. Es wäre sicherlich nicht verwunderlich, wenn Conrad den Ausbruch des Krieges zum Anlaß genommen hätte, um die Niederwerfung Serbiens zu fordern. Der Generalstabschef vertritt jedoch in dem Schreiben die Auffassung, d,aß der gegenwärtige Zeitpunkt die Aussicht auf eine friedliche Lösung der Krise biete. Er beginnt seine Ausführungen mit der Feststellung, daß die Monarchie am Scheideweg stehe und sich jetzt endgültig für Serbien oder Bulgarien entscheiden müsse: „Wie schon in früheren Meinungsäußerungen halte ich daran fest, daß ein Einvernehmen mit Serbien nur um den Preis einzugehen wäre, wenn dieser Staat sich in ein Bundesverhältnis wie Bayern im Deutschen Reich der Monarchie eingliedert *). — Von einem siegreichen, nach außen hin gesicherten Serbien ist dies aber kaum zu erwarten, — dagegen scheint jetzt die Situation Serbiens derart, daß es vielleicht dazu zu haben ist — doch müßte die bezügliche Aktion spontan und sofort einsetzen; — nämlich noch ehe Serbien etwa Erfolge über Bulgarien erringt. Glückt diese Lösung, — so hielte ich sie für die Monarchie die beste; — glückt dieselbe aber nicht, lehnt Serbien .entschieden ab, dann müßte seitens der Monarchie dezidiert die gegenteilige Konsequenz gezogen werden. * 9 97) G. P. XXXIV/2: Nr. 13 324. Siehe auch A. M. D. Ill: S. 387. 9S) A. M. D. Ill: S. 401. Conrad berichtet hier, daß er bis 5. VII. in Oberösterreich weilte, aus einem Schreiben an Berchtold vom 2. VII. (K. A.: Ch. d. Gstbs., Op. B., Fasz. 91) geht jedoch hervor, daß er am Abend des 3. VII. nach Wien zurückzukehren beabsichtigte und er ersucht den Außenminister für den 4. VII. um eine Unterredung. Auch Tschirschky berichtet von einer Unterredung. (G. P. XXXV Nr. 13.438) zwischen Conrad und Berchtold, allerdings für den 3. VII. In Conrads Nachlaß und in den Aufzeichnungen Kundmanns findet sich kein Hinweis auf diese Unterredung. Wenn dieses Gespräch tatsächlich stattfand, dürfte in ihm nichts Wesentliches — etwa ein militärisches Eingreifen Österreich-Ungarn — behandelt worden sein. Siehe auch Albertini: S. 467 f. *) Im Original unterstrichen.