Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)
BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913
Die Balkanpolitik Conrad v. Hötzendorfs 235 Ministerium das es je gehabt, — ein Hohn auf unsere Bemühungen es an uns heranzuziehen“ 84 85). Am 21. Juni fand zwischen dem Außenminister und dem Generalstabschef eine Unterredung statt. Während Conrad von Berchtold bisher stets rasche Entscheidungen verlangte, wurde bei diesem Gespräch nur die gegenwärtige Situation und das Verhalten der Donaumonarchie bei einem etwa ausbrechenden Krieg erörtert, ohne daß der Chef des Generalstabes unverzügliche Maßnahmen gegen Serbien forderte. Auf Conrads Frage, ob Österreich-Ungarn bei einer Niederlage Bulgariens gegen Serbien eingrei- fen werde, antwortete Berchtold wohl bejahend, das konkrete Ziel einer militärischen Operation konnte er jedoch nicht angeben, da der Kaiser auf diesbezügliche Fragen ausweichend geantwortet hatte und auch der Thronfolger eine Annexion des Nachbarn ablehnte. Der Chef des Generalstabes gab sich mit der Antwort des Außenministers zufrieden, da er diesmal die Konsequenz einer Auseinandersetzung mit Serbien — nämlich den Krieg gegen Rußland und die dadurch unbedingt erforderliche Unterstützung durch Deutschland und Italien —- erkannte. Er richtete deshalb an dem Minister des Äußeren die Frage, ob er in dieser Richtung Gespräche mit den Bundesgenossen begonnen habe, worauf Berchtold erwiderte, er habe in letzter Zeit über dieses Thema lediglich mit Tschirschky gesprochen. Die Auseinandersetzung mit Rußland erschien Conrad allerdings unvermeidlich und, da er der Überzeugung war, daß die Chancen der Monarchie diesen Kampf siegreich zu beenden in Zukunft immer mehr sinken würden, verlangte er für den Fall zu weitgehender Forderungen Petersburgs, Berchtolds definitive Einwilligung zu einem Krieg gegen das Zarenreich. Der Außenminister lehnte diese Forderung des Generalstabschefs ab, 8B) da eine plötzliche Änderung der Situation die Monarchie zu einem politischen Kurswechsel zwingen konnte und da er überdies wußte, daß dieser Wunsch Conrads nicht die Billigung der Bundesgenossen finden würde. Die Unterredung mit Tschirschky vom Vortage hatte nämlich deutlich erwiesen, daß Deutschland nicht gewillt war die österreichisch-ungarische Balkanpolitik zu unterstützen86). Außerdem vermied es der Generalstabschef eindeutig festzustellen, welche Forderungen des Zarenreiches er akzeptieren wollte. Die folgenden Tage vergingen in fieberhafter Spannung. Da Hartwig durch energische Vorstellungen die serbische Regierung zu einer bedin84) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Hranilovics vom 16. VI. 1913, Res. No. 182 geheim, präs. 19. VI. 1913). In A. M. D. Ill S. 365 ist nur ein Teil des Berichtes wiedergegeben. Am 10. VI. 1913 war in Sofia das Kabinett Geschow zurückgetreten. Es wurde durch das Kabinett Danew ersetzt. 85) A. M. D. Ill: S. 353 f. (Unterredung Conrads mit Berchtold vom 21. V. 1913). 8,i) G. P. XXXV: Nr. 13 410. Siehe auch Wegerer: S. 60 f.