Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 20. (1967)

BRETTNER-MESSLER, Horst: Die Balkanpolitik Conrad von Hötzendorfs von seiner Wiederernennung zum Chef des Generalstabes bis zum Oktober-Ultimatum 1913

218 Horst Brettner-Messler Botschafter Thurn das Ergebnis einer Besprechung mit Sasonow mit. Ghika glaubte aus dieser Unterredung herausgehört zu haben, daß der russische Außenminister .. in seinem Inneren den Bulgaren gar nicht so gut gesinnt sei ..und er es begrüßen würde, wenn ein anderes Mitglied der Tripleentente Rumänien unterstützen würde, da er dadurch den Vorwand zu einem Abschwenken auf die Seite Rumäniens erhalte19). Auch Hranilovic erkannte diese Änderung der russischen Außenpolitik und berichtete darüber sofort nach Wien. Bulgarien scheine Rußland unbequem zu sein, in Rumänien sei es wegen seiner Unnachgiebigkeit in der Silistria-Frage verhaßt, Serbien fürchte es wegen der unausbleib­lichen Auseinandersetzung wegen Monastir, „... also scheint der Moment für die russische Diplomatie gekommen es zu isolieren und gleichzeitig damit uns — durch Abziehung Rumäniens einen Schlag zu versetzen“ 20). Mit besonders regem Interesse verfolgte der k. u. k. Botschafter in Konstantinopel die Umwälzung auf dem Balkan. Der Militärattachö, der das volle Vertrauen Pallavicinis besaß, konnte daher nicht nur die eigenen Beobachtungen und Ansichten, sondern auch jene des Botschafters nach Wien melden. Pallavicini sprach sich schärfstens gegen die Anstrengungen Berchtolds aus, Rumänien mit Bulgarien zu versöhnen. Sollte dies gelin­gen, dann würden sich voraussichtlich beide Königreiche eher gegen die Monarchie als gegen Rußland wenden. „Es hieße dies geradezu den ganzen Balkan inklusive Rumänien gegen uns zu mobilisieren. Weit sicherer wäre es von unserem Standpunkt die Rivalität dieser beiden Staaten aufrechtzuerhalten und Rumänien in seinen territorialen Ansprüchen energisch zu unterstützen; dann könnten wir in Zukunft wenigstens Rumäniens immer und bei jeder Gelegenheit sicher sein“21). Am 31. März fand unter Sasonows Vorsitz in Petersburg die erste Sit­zung der Botschafterkonferenz zur Beilegung der rumänisch-bulgarischen Differenzen statt. Auch hier unternahmen die diplomatischen Vertreter des Dreibundes Thurn, Pourtalés und Carlotti den Versuch durch terri­toriale Zugeständnisse an Rumänien und Bulgarien eine Lösung des Kon­fliktes herbeizuführen. Berchtold, der auf eine Sprengung des Balkanbun­des hinarbeitete, glaubte, durch die Abtretung Salonikis an Bulgarien, dieses zum freiwilligen Verzicht von Silistria bewegen zu können. Grie­chenland, das Saloniki nur durch einen Zufall zwei Tage vor dem Ein­treffen der bulgarischen Truppen besetzt hatte, sollte ein anderes, nicht 19) Ö.-U. A. V: n. 6168. Uebersberger: S. 148 f. 20) K. A.: C.-A. Fasz. B 3. (Bericht Hranilovics vom 22. III. 1913, Res. Nr. 65 geh., 25. III. 1913). In A. M. D. Ill: S. 205 f. wird dieser Bericht nur auszugsweise wiedergegeben. Hranilovic berichtet überdies, daß sich Filipescus für ein Groß­österreich im Sinne Aurel Popovici ausgesprochen hätte, „... in das Rumänien als Bundesstaat — so wie etwa Bayern — einzutreten hätte.“ 21) A. M. D. Ill: S. 219 ff. (Bericht Pomiankowskis vom 27. III. 1913, Res. Nr. 95, präs. 31. III. 1913).

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