Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
RAINER, Emil: Der Abenteurer Sardan
544 Miszellen Lizenz erteilt, daß er sich „unperturbierter zu Feldkirch aufhalten und allda einige Zeitlang verbleiben möge“ 66). Aber es scheint, daß Sardan davon keinen Gebrauch gemacht hat, denn sein Name kommt in den österreichischen Archiven nicht mehr vor. Auch von der „Lettre polonaise“ konnte ich nichts vorfinden und es scheint, daß sie spurlos in Vergessenheit versunken ist. Großen Erfolg aber hatte die Flugschrift „L‘Europe esclave si l'Angleterre ne rompt ses fers“. Sie erschien anonym in Köln im Jahre 1677 und wurde in den Jahren 1678, 1680, 1681, 1682, 1689 und 1702 wieder aufgelegt. Schon im Jahre 1678 kam eine deutsche Übersetzung heraus („Das zur Dienstbarkeit gebrachte Europa“), im Jahre 1681 erschien eine englische Übersetzung („Europe a Slave, unless England break her chains, discovering the grand designs of the French-Popish party in England for several years past“), und ins Holländische wurde sie 1677 und 78 übersetzt („Europa tot slavin gemaeckt, so Engelandt niet haer boeyen breckt“). Irrigerweise registriert die Bibliographie den Verfasser unter dem Namen Cerdan. Es kostet große Mühe, den sprunghaften Ausführungen Sardans zu folgen. Im wesentlichen legt er dar, daß Frankreich durch die rasche Eroberung von Valenciennes, Cambray und St. Omer die Größe und Gefährlichkeit seiner Pläne habe erkennen lassen. Durch den Besitz dieser Städte ist Frankreich gegen ein Eindringen Spaniens von jener Seite gesichert und hat daher seine ganzen Truppen gegen die Kaiserlichen frei. Es ist gegen diese militärisch im Vorteil, umsomehr als die deutschen Heere die meiste Biagage, die meisten Weiber und die meisten unnützen Mäuler mitführen. Da Frankreich nichts von der Seite Flanderns zu fürchten hat, kann es Spanien und Holland in Schach halten. Spanien ist entvölkert, seine Städte sind nicht befestigt, es hat nicht genug Vorräte und könnte eine Invasion nicht verhindern. Holland würde in einem Kriege zwei Drittel seines Heeres durch Tod, Krankheit und Desertion verlieren und würde zu einem schmachvollen Frieden gezwungen sein. Auch Italien könnte den Franzosen keinen Widerstand leisten. Das Land ist in kleinste Teile zersplittert, das Volk ist verweichlicht und Ludwig XIV. besitzt dort schon mehrere Plätze und beherrscht zudem das Meer. Die Schweiz ist unbefestigt und religiös entzweit. Frankreich scheut keine Menschenopfer; es hat ohne auch nur einen Meierhof zu verlieren, seine Macht bis Indien ausgedehnt. Durch die Überfülle seines Tresors und die Geschicklichkeit seiner Diplomaten hat es Fürsten mitten in Europa gegen den Kaiser gewonnen, lenkt Schweden, Polen und die Schweiz, die ihm Soldaten stellt, und hält den türkischen Großvesir und den Chan der Tataren in Sold. Wenn Ludwig die spanischen Niederlande erobert haben wird, woran er vor allem denkt, kann er seine Verbindungen mit Schweden, Polen und mehreren deutschen Höfen festigen. Der Markgraf von Brandenburg wird Pommern und Preußen nicht verteidigen können, wenn Ludwig ihn in Cleve mit 40—50.000 Mann angreifen läßt. 66) Landesregierung1 sarehiv Innsbruck, Hofregistratur Protokolle 1677/78, Nr. II.