Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

392 Masaki Miyake Donauufer abgeben muß, wenn eine neue reinliche Dynastie eingesetzt wird, so hält man dafür, daß der Gedanke einer endlichen Aufteilung des Balkans, der die Grundlage eines wirklichen Friedenszustandes sein kann, damit gegeben wäre. Südalbanien käme dabei an Griechenland und Valona als adriatisches Gibraltar an uns 123). Dann könnte der weitere Gedanke verwirklicht werden, daß die Balkanstaaten staatlich selbständig, aber unter dem wirtschaftlichen, finanziellen und verkehrspolitischen Anschluß an die beiden Zentralmächte zu einem nicht ausdrücklich stipulierten, wohl aber tatsächlich politischen Bund vereinigt werden können. Dieser Staaten­komplex wäre dann die große Brücke, von den beiden Zentralmächten nach Konstantionpel und über die Meerengen nach Kleinasien und dem weiteren Orient. Es ist das, wie Du weißt,, mein alter Gedanke. Serbien total nieder­geworfen, das ganze Räubernest ausgebrannt, muß es sich, wenn auch nicht unmittelbar unserer Monarchie, so doch der höheren politischen und wirt­schaftlichen Einheit der Zentralmächte willig anschließen. Leider ist man hier, wie es scheint, von dieser Idee noch weit entfernt, weil man überhaupt sich der größeren Konzeption einer Balkanpolitik noch verschließt und aus diesem Punkt noch immer nichts gelernt und nichts vergessen halt124 125). Im Mittelpunkt des Interesses steht aber die polnische Sache. Überall bin ich einem non liquet begegnet, am ausgesprochensten bei Deinem Korps­bruder 126), der mit mir nach einer langen Konversation über diese Frage zuletzt gesagt hat, „jede“ Lösung ist für uns schlecht. Es herrscht in Berlin ein großes Mißtrauen gegen die Polen sowie gegen ihre Regierungsfähigkei­ten. Unbedingt müsse der Schutz der Ostgrenze gegen Rußland aufgerichtet werden, auch wirtschaftlich könne Deutschland auf den russisch-polnischen Markt, wohin Deutschland jährlich an 400 Millionen Mark importiere, (Österreich-Ungarn nur um 35 Millionen Kronen) nicht verzichten werden, ebensowenig wie auf einen Einfluß Deutschlands auf die polnischen Bah­nen, die Deutschland mit Rußland verbinden und für den deutschen Export 123) Vgl. dig Äußerungen Bethmann Hollwegs zu Friedjung über die Lage am Balkan: Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 48 f. Bethmann Hollweg äußerte bei dieser Gelegenheit den Wunsch, mit Serbien „sobald als möglich“ Frieden zu schließen und erklärte in diesem Zusammenhang: „Deutschland wird sich nie mehr auf ein selbständiges Albanien einlassen“. Andererseits trat er dafür ein, daß Südalbanien mit Valona an Griechenland angegliedert werden solle, was aber doch im Gegensatz zu dem steht, was Baernreither in Bezug auf Valona berichtet. Valona: eine Hafenstadt an der Adria, Walona bzw. Vlone. 124) Siehe S. 365 meiner Studie und Anm. 15. Vgl. Brief Baernreithers an Fürstenberg vom 2. November 1912: Baernreither, Fragmente, S. 168. In einem Gespräch mit Baernreither erklärte Jagow am 9. November 1915, daß eine handelspolitische Angliederung Serbiens an Österreich auf Ungarns Widerstand stoßen werde: Tagebuch Baernreithers, Bd. 15, S. 53. Ebenso wie Bethmann Hollweg erklärte Jagow: „Auf einer möglichen Errichtung von Albanien werde Deutschland nicht eingehen.“ : ebenda. 125) Jagow war als ehemaliger Bonner Borusse ein Korpsbruder Fürstenbergs gewesen: Baernreither, Fragmente, S. 218.

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