Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

390 Masaki Miyake gegenseitigen Interessen entgegenkommender werde, damit die vereinigten Kräfte der beiden Staaten nach Außen stärker wirken können und die Lösung unserer gemeinsamen Aufgaben leichter werde. Ebenso bezeichnend ist in der Broschüre die entscheidende Überzeugung von der Notwendigkeit eines engen wirtschaftlichen Anschlusses an Deutschland. Euer Exzellenz mögen daraus ersehen, daß es nicht nur jene wirtschaftlichen Kreise sind, die sich jetzt in Österreich hören lassen, die den Gedanken dieses Zusam­menschlusses hegen, sondern daß Kreise die den propagandistischen Be­strebungen ganz ferne stehen, derselben Meinung sind, und diese Meinung womöglich noch vorbehaltloser vertreten. Ich kann, ohne mich zu täuschen, bestätigen, daß der Gedanke des wirtschaftlichen Anschlusses an Deutsch­land bei uns in ernsten Kreisen große Fortschritte macht. Sie treten aber nicht hervor, weil sie die Situation nicht für genügend geklärt, halten und gegenüber der Zurückhaltung in Deutschland glauben dieselbe Haltung einnehmen zu sollen — was aber der Intensität dieses Wunsches, sich mit Deutschland wirtschaftlich so weit als möglich zu verständigen keinen Abbruch tut. Der Kreis unserer Industriellen, die diese wirtschaftliche Politik als den einzig richtigen Weg ansehen, wird in dem Maß größer, als die Herren einsehen, daß niemand die österreichische oder ungarische Industrie an Deutschland ausliefern will, sondern daß wir nur auf der Suche nach der Form der gegenseitigen Begünstigung sind, eine gemeinsam abzuschließende Handelspolitik sowie gemeinsam abzuschließende Handelsverträge anstre­ben und dafür einen auf völkerrechtlicher Basis beruhenden Mechanismus zu finden hoffen. Dazu brauchen wir vor allem Vertrauen, u. zw. nicht nur Vertrauen zwischen Deutschland und der Monarchie, sondern ganz beson­ders zwischen Österreich und Ungarn 12#). Wir brauchen nicht diese schwie- 12 12°) In seinem Exposé äußert sich Baernreither über die österreichisch­ungarischen Beziehungen sehr pessimistisch: ......es machen sich in Ungarn w irtschaftliche Tendenzen geltend, die ausgesprochen separatistisch sind, die zu diesem Zwecke die Bedeutung größerer Wirtschaftsgebiete leugnen, die es ignorie­ren oder direkt in Abrede stellen, daß zwischen Österreich und Ungarn auch eine politische Verbindung besteht u. zw. zu dem Zweck, um das Tischtuch auch wirt­schaftlich zerschneiden zu können. Die zukünftigen Handelsverträge sollen aus­schließlich auf das ungarische Interesse zugeschnitten werden und man rechnet eine völlig getrennte ungarische Handelsbilanz heraus, die für die ganze Wirt­schaftspolitik Ungarns maßgebend sein soll. Kommt diese Richtung zum Aus­bruch, dann müssen wir darauf gefaßt sein, daß der Idee einer wirtschaftlichen Vereinigung mit Deutschland auf Grund von Zwischenzöllen oder Anpassungs- Zöllen die Forderung nach Zwischenzöllen oder Anpassungszöllen zwischen Österreich und Ungarn entgegengesetzt wird. Eine solche Stellungsnahme Un­garns würde die hier vertretenen Gedanken einfach vereiteln. Ungarn wird nach dem Kriege mit großem Selbstbewußtsein auftreten nicht nur unter Berufung auf die unleugbar großen Verdienste die es während des Krieges der Monarchie und Dynastie geleistet hat, sondern dank seiner sarkén Regierung, der in Öster­reich eine schwache gegenübersteht. Wenn es aber Ungarn ist, das den lebhaften Wunsch und den großen Zug nach einer wirtschaftlichen Annäherung zwischen

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