Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither

J. M. Baemreither und „Mitteleuropa1 377 werden, wenn wir als getrennte Zollgebiete miteinander verhandeln und der Vertrag auf dieser Trennung beruht“ 70). 3. Sowohl das Exposé als die Denkschrift sehen als Zentralorgan eine „deutsch-österreichisch-ungarische Zoll- und Handelsdeputation“ vor. Doch im Unterschied zum Exposé, wo diese Frage offen bleibt* 71), tritt er nun dafür ein, daß Österreich und Ungarn in diesem Zentralorgan als Einheit auftreten und ihre Bevollmächtigten gemeinsam ihre Stimme abgeben. Das Mißtrauen gegen Ungarn, das ihn bei der Niederschrift seines Exposés beseelt haben mag, wird jedenfalls nicht mehr spürbar. 4. In der Denkschrift urteilt er nun auch über die Aussichten für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Österreich und Ungarn viel optimistischer als im Exposé 72). Als Realist verfolgte Baernreither also im allgemeinen nur solche Ziele, welche er für unmittelbar realisierbar hielt. So ist für seinen realisti­schen Standpunkt in der Frage des einheitlichen Zollgebiets dieses Wort sehr charakteristisch: „Man darf über diesem Ideal nicht die Wirklichkeit übersehen“ 73). Daher äußert er sich auch in seiner Denkschrift wesentlich vorsichtiger und zurückhaltender als in seinem Exposé. Er klammert aus seiner Denkschrift alle schwierigen verfassungsrechtlichen Probleme aus, welche ein engerer staatsrechtlicher Verband mit einem einheitlichen Zoll­gebiet infolge der Verschiedenheit der Verfassungsstrukturen Österreich- Ungarns und Deutschlands aufwerfen mußte, indem er dieser Form, wie schon dargestellt wurde, eine völkerrechtlich-vertragliche Verbindung mit dem Deutschen Reich vorzog74). Trotzdem kann man deutlich erkennen, daß die Denkschrift inhaltlich auf dem Exposé basiert und zahlreiche Argu­mente aus diesem wiederholt. 1915 verfaßten Heinrich Friedjung, Michael Hainisch, Eugen von Philippovich und Hans Übersberger75) gemeinsam eine Propagandaschrift über „Mitteleuropa“, die sogenannte „Denkschrift aus Deutsch-Österreich“, welche in Leipzig gedruckt wurde und von der zahlreiche Exemplare im September an politisch führende Persönlichkeiten in Deutschland verschickt ™) A. a. 0., S. 26. 71) Exposé, S. 39. 72) Siehe Exposé, S. 24 f. und Denkschrift, S. 28. Vgl. Anm. 120. 73) Denkschrift, S. 27. 74) A. a. 0., S. 24 ff. 75) Eugen von Philippovich, mit dem der deutsche Politiker und Publizist Friedrich Naumann bereits 1899 über mitteleuropäische Fragen in Gedankenaus­tausch getreten war (Heuß, a. a. O., S. 336), besprach das berühmte Buch Nau­manns „Mitteleuropa“ in der Wiener „Zeit“ vom 23. Oktober 1915: Heuß, a. a. O., S. 568. Über Philippovich vgl. Anm. 28. Über Friedjung und Hainisch vgl. Anm. 33 und 37. Hans Übersberger: 1905 Privatdozent für osteuropäische Ge­schichte an der Universität Wien, 1907—1918 Referent für osteuropäische Fragen im österr.-ung. Außenministerium.

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