Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither
374 Masaki Miyake wir ihn gewollt, wären wir ganz anders politisch und wirtschaftlich vorbereitet gewesen. Der innere Sinn, das Ziel dieses Krieges, die Absichten der Weltgeschichte mit diesem Kriege, können nicht durch hilflose Erklärungsversuche, wie ,die deutsche Kultur muß zur Kultur aller Völker gemacht werden' u. a. ergründet werden, sondern der Sinn muß etwas Greifbares, Organisatorisches, Staatsbildendes sein. Er ist das Problem Mitteleuropa, nicht nur militärisch-politisch, sondern auch wirtschaftspolitisch. Das deutsche Reich ist in diesem Zusammenhang zu klein, ebenso Österreich-Ungarn. Wir suchen daher den Körper, in dem beide Reiche enthalten sind. Beide müssen darin beweglich bleiben und den Eindruck haben, daß sie sich freiwillig in die Gemeinschaft begeben haben, ohne wesentliche Opfer ihres Charakters und ihrer Geschichte, sondern in der Überzeugung, daß der Bund etwas geschichtlich Gewachsenes, nicht bloß Gemachtes ist. Die wirtschaftlichen Erörterungen sind nun ein Teil der mitteleuropäischen Gesamtvorbereitungen. Dieses Vorspiel muß so orientiert sein, daß seine Töne bis in den Friedenskongreß hinein erklingen, der nicht wieder bloß von den berufsmäßigen Doktoren der Politik, sondern von den Völkern selbst in allen ihren Schichten getragen sein muß“ 57). Das Exposé Baernreithers bildete außerdem noch in der Zusammenkunft des Marchet-Kreises vom 4. und 5. Mai die Grundlage einer regen Debatte. An diesen beiden Tagen ergriff Baernreither öfters das Wort58) und begrüßte unter anderem einmal auch die Tatsache, daß sich nun auch in breiteren Kreisen allmählich die Einsicht durchsetzte, daß eine wirtschaft57) Wilhelm Medinger, der ein Freund Baernreithers war und der an der Versammlung teilnahm, bezeichnet in seinem Bericht „Eindrücke von der Berliner Tagung des Deutsch-österreichisch-ungarisohen Wirtschaftsverbandes, 13. April 1915“ (Nachlaß Baernreither, Karton 30, Fol. Nr. 394—405) die Rede Naumanns als den Höhepunkt der Tagung. Medinger berichtet dort: „Bevor ich auf den Inhalt der Reden eingehe, möchte ich das ausführen, was nicht gesprochen wurde, und zwar kluger Weise nicht offiziell ausgesprochen wurde ... Es wurde österreichischerseits nur gestreift, wie dringend nötig unser Staat den Zusammenschluß mit Deutschland aus innerpolitischen Gründen braucht. Der Krieg hat neuerdings bewiesen, ein wie großer Teil der politischen nicht deutschen Kreise gegen Staat und Dynastie indifferent, wenn auch nicht feindlich ist. Wenn die Tendenzen dieser Kreise infolge der wachsenden Slawisierung dominieren, so sind Staat und Dynastie dadurch gefährdet, Österreich verliert seinen wesentlichen Charakter, gravitiert nach Osten und verliert seine Jahrhunderte alte Stellung als Vormacht Mittel-Europas . .. Ein inniger Zusammenschluß mit Deutschland durch eine wirtschaftliche Annäherung könnte staatserhaltende Elemente bei uns kräftigen, könnte der wachsenden Einwanderung aus dem Westen entgegensetzen, könnte aus den Deutschen des Reiches und der Monarchie, verstärkt durch die Magyaren und Staatstreuen unter den Slawen eine Majorität der Staatswilligen bilden, gegen die separatistische, nach Osten gravitierende Tendenzen zerbrechen müßten: Fol. Nr. 395—396. Hier wird ein Faktor sichtbar, welcher Österreich zu einer Annäherung an Deutschland veranlaßte. 58) „Besprechung bei Exz. Dr. Marchet am 4. u. 5. Mai 1915“: Nachlaß Baernreither, Karton 30, Fol. Nr. 330—391.