Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
MIYAKE, Masaki: J. M. Baernreither und „Mitteleuropa“. Eine Studie über den Nachlaß Baernreither
360 Masaki Miyake funden hat. Dieser gewinnt aber noch durch die Tatsache an Wert, daß Baernreither eine umfassende Kenntnis von allen außen- und innenpolitischen Problemen der Doppelmonarchie besaß und sich darüber hinaus über die Lösung der Existenzfrage der Monarchie, des Nationalitätenproblems und hier besonders der Frage des politischen Verhältnisses der Deutschen zu den Polen, Südslawen, Tschechen und Magyaren Gedanken machte, aber sich auch über die Form der von ihm als Notwendigkeit erkannten wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und der Doppelmonarchie während des Weltkriegs den Kopf zerbrach, worüber sich in Nachlaß zahllose Zeugnisse finden lassen. Denn der österreichische Politiker trat für seine eigenständigen Lösungsversuche vor allem schriftlich in Memoranden und Eingaben, aber auch mündlich in zahlreichen Vorträgen und Gesprächen privater und auch offiziöser Natur ein. Politisch gehörte er im Herrenhaus der Verfassungspartei an2), nachdem er bereits früher im böhmischen Landtag durch längere Zeit den verfassungstreuen, deutschen Großgrundbesitz vertreten hatte. Prof. Robert A. Kann charakterisiert ihn bündig: „Baernreither kann politisch als ein aufgeklärter Konservativer von hohem kulturellen Niveau und gemäßigten, doch ganz klar profiliert deutschbewußten Ansichten bezeichnet werden“ 3). In meiner Studie soll nun Baernreithers politische Tätigkeit in der Zeit des Ersten Weltkriegs näher untersucht werden. Ihren Kern sollen seine Pläne und Projekte über „Mitteleuropa“ aus den Jahren 1914 und 1915 bilden, einer Zeit, in der er sich besonders eingehend mit dem Fragenkomplex eines politisch und wirtschaftlich geeinten Mitteleuropas beschäftigte und mit dieser Idee geistig auseinandersetzte. Meiner Darstellung liegen ausgewählte Partien des Baernreither Nachlasses zugrunde, den dieser testamentarisch dem österreichischen Staatsarchiv vermachte, wo er heute jederzeit eingesehen werden kann 4). Von dem ganzen Nachlaß Baernreither sind bisher nur seine Tagebücher veröffentlicht worden und zwar: 1. Fragmente eines politischen Tagebuches. Die südslawische Frage und Österreich-Ungarn vor dem Weltkrieg, herausgegeben und eingeleitet von Joseph Redlich, Berlin 1928. 2. Römisches Tagebuch, herausgegeben von Joseph Redlich, Berlin 1929. 2) Der Verfassungspartei im Herrenhaus gehörten außer Baernreither noch Maximilian Egon Fürst zu Fürstenberg, Gustav Marchet, Freiherr Ernst von Plener, Karl Graf Stürgkh, Johann Freiherr von Chlumecky, Wilhelm Exner u. a. an. Die Liste „Mitglieder der Verfassungspartei des Herrenhauses, Oktober 1907“ im Nachlaß Baernreither (Karton 29) zählt 65 Mitglieder namentlich auf. 3) Robert A. Kann, Erzherzog Franz Ferdinand und die österreichischen Deutschen. Dokumente aus den Nachlässen Erzherzog Franz Ferdinand, Baernreither und Schiessl. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, 1960, Bd. 13, S. 398. 4) Inventare des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs, Bd. 7, S. 410.