Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11

Österreich und der Modernismus 333 Bischofskonferenz scheinen aber zu zeigen, daß faktisch nach dem 13. November über das fragliche Thema nicht mehr verhandelt wurde, außer vielleicht in der letzten Sitzung vom 17. November, in der man sich einigte, daß die Bischöfe zu dem Streitfall Hochland — Gral keinerlei offizielle Stellung einnehmen wollen. Inzwischen war auch der vom 7. November datierte, äußerst instruk­tive Botschaftsbericht in Wien eingetroffen, in dem einiges Aufschluß­reiche über die Stellungnahme des in Rom weilenden Münchner Nuntius Mgr. Frühwirth zu lesen ist. Frühwirth habe sich beklagt, daß man im Vatikan auf ausländische Verhältnisse so wenig Rücksicht nehme. Er habe im vergangenen Sommer schwerste Zeiten durchgemacht, da man von ihm eine authentische Interpretation der päpstlichen Erlässe gefordert habe. „Ich war bestrebt“ führte Frühwirth aus, „die Leute möglichst zu beruhigen und trachte jetzt hier, im Einvernehmen mit dem bairischen Episcopat, eine thunlichst acceptable Interpretation der erwähnten Verordnungen durch zu setzen“. Der Antimodernisteneid brauche, dem Wortlaut des Motu proprio gemäß, nicht auf die Universitätsprofessoren angewendet zu werden, ebenso sei das Leseverbot weitherzig auszulegen: es wäre kein Grund vorhanden, daß Seminaristen nicht auch, nach Abschluß des Tagespensums, „unter entsprechender Controle, gute, im katholischen Sinne redigierte Zeitschriften lesen sollen“. Frühwirth versprach ferner, beim Papst und Staatssekretär ganz offen für diese „nicht immer ganz plausible“ Deutung des Motu proprio eintreten zu wollen. „Nicht ohne Bitterkeit“ beklagte er sich auch über den Zwischen­fall mit der Schriftstellerin Baronin Handel-Mazzetti40). Abschließend faßte der nicht in jeder Beziehung als fortschrittlich geltende Nun­tius 40a) seine Meinung in dem lapidaren Satz zusammen: „Dieses Denuncianten — Wesen und diese ewige Modernisten — Riecherei müssen endlich aufhören“ ! * S. 40) Zum „Literaturstreit“ vgl. A. Walz, Andreas Kardinal Frühwirt 1845—1933 (Wien 1950) S. 338 f. Frühwiirt trat als Schützer für die des literarischen Modernismus verdächtigte Schriftstellerin ein und übermittelte ihr am 16. Okt. 1910 den Apostolischen Segen, was aber die „Corrispondenza Eomana“ als Mißbrauch anprangerte! Vgl. auch LThK VI2 1082 (A. W. H ä f f e r). 40a) Über Frühwirths Romaufenthalt unterrichtet gut A. Walz, a. a. o. S. 333 ff. S. 347 wird bemerkt, daß Frühwirth besonders unter der Zeit Kardinal Gruschas mäßigend auf die österreichischen Integralisten „zumal auf einen Dr. Maus der in Freiburg studiert hatte“ eingewirkt hat. — Der österr. Botschafter am bayrischen Hof, L. v. Velics berichtet am 26. Nov. 1910 an Aehrenthal: Frühwirth habe früher in München als „streng sachlich und unparteiisch“ gegolten, „als ein Partisan derjenigen Richtung unter den deutschen Katholiken, welche von der Tätigkeit des Volksvereins und von der Schaffung der sogenannten Simultananstalten in den Rheinlanden eine Verflauung des kirchlichen Sinnes der Bevölkerung befürchtete und die auch den kränkelnden Erzbischof von Köln als unter dem Einflüsse der München-Gladbacher Vereinsleitung stehend hinstellte“.

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