Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)
CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11
328 Móric Csáky vom 1. September? Eine, wenn auch nicht vollgültige, so dennoch aufschlußreiche Beantwortung dieser Frage gewährt uns ein Einblick in die vatikanischen Botschaftsberichte aus dem Jahre 1910 25). Schon Hudal bemerkt, daß die österreichische Vatikanbotsohaft „mehrmals ... durch Vorsprache im Staatssekretariat gegen den Kurs des Papstes und seiner hauptsächlichen Berater, der Kardinäle De Lai und Vives y Tuto, ein- greifen“ mußte. Doch habe der Antimodernisteneid die Gemüter in Österreich — im Gegensatz zu Deutschland — nicht erregt; der Botschafter sei nur gegen das Leseverbot in Seminarien, wie es in „Sacrorum antistitum“ ausgesprochen war, beim Hl. Stuhl vorstellig geworden26). Eine Stellungnahme der österreichischen Botschaft am Vatikan zum Motu proprio vom 1. September 1910 scheint zum ersten Male in einem Bericht des Grafen Pälffy auf27). Am 17. September schrieb er an Außenminister Graf Aehrenthal: „Die alte Prophezeiung des irischer. Bischofs Malachias, der den 261-ten Nachfolger am Stuhle Petri als ,ignis ardens’ bezeichnet, gewinnt mehr und mehr an Richtigkeit“ ... „In der Tat schlagen die Flammen reformatorischen Feuereifers in unseren Tagen im Vaticane besonders hoch und sollen alles versengen, was als Unkraut in der reinen Saat christlicher Lehre und christlicher Sitte angesehen wird“. Und der Schluß des charateristischen Berichtes lautet: „Den Nachfolger des ,ignis ardens’ nennt Malachias .Religio depopulata’. Sollte die Prophezeiung auch da eintreffen“ ? Kaum habe man sich über den Inhalt der Borromäusenzyklika Rechenschaft geben können28 *), die Folgen „der Zertrümmerung der Sillonisten“ 20) seien noch unabsehbar, und auch von dem „Amotionsdekret“ 30) habe man sich 25) Wien, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Polit.Arch. XI/270. Dort befinden sich alle weiter unten zitierten Berichte. 28) A. Hudal, a. a. o. S. 262. Über die subversive Tätigkeit Mauss“ in Rom, Anm. 9. 27) Moritz Graf Pälffy (1869—1948) österr. Geschäftsträger am Vatikan. Nikolaus Graf Szécsen, Botschafter am Vatikan 1901—1911. 28) Die „Borromäusenzyklika wurde von Pius X. am 29. 5. 1910 zur 300 Jahr-Feier der Heiligsprechung des hl. Karl Borromäus erlassen. („Editae saepe“ in: AAS 2 (1910) S. 357—380). Die amtliche kirchliche Publikation in Deutschland unterblieb wegen Anwendung bestimmter Bibelstellen auf die Protestanten. Vgl. LThK II2 613 (H. Jedin). 29) „Sillonisten“ nannte man den Kreis um die Zeitschrift „Le Sillon“, die von Marc Saugnier (1873—1950) gegründet wurde. Saugnier bemühte sich um eine Versöhnung dies französischen Katholizismus mit den modernen demokratisch-sozialistischen Bewußtsein. Ab 1905 verlor der Bund (nachdem Geistliche von (der Leitung ausgeschlossen worden waren), sein kirchliches Gepräge und betonte statt des sozialen immer mehr den demokratischen Gedanken und entfernte sich so von der römischen Konzeption des Ständestaates. Die offizielle Verurteilung erfolgte durch Pius X. am 25. 8. 1910 (AAS II (1910) S. 610—633). s«) „De amotilone adminstrativa ab officio et beneficio curato“ in: AAS 2 (1910) S. 636 ff. Es handelt Sich darin um eine Neuregelung der Amotion von