Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

CSÁKY, Móric: Österreich und der Modernismus. Nach den Berichten des österreichischen Botschafters am Vatikan 1910/11

Österreich und der Modernismus 323 Italien unter Murri, Buonaiuti und Fogazzaro oder England unter Tyrrell, Miss Petre (und von Hügel), kann wohl mit Recht verneint werden. Wohl stellt Poulat2) bei Deutschland fest, daß infolge des all­gemeinen Liberalismus und verschiedener katholischer Reformbestre­bungen im Laufe des 19. Jahrhunderts auch hier eine Art Modernismus entstand, der aber nur am Rande ein solcher genannt werden kann, und der noch dazu durch die Zäsur von 1870 wenig Kontakte mit der fran­zösischen Bewegung hatte3). Ähnliches, in noch abgeschwächterer Form läßt sich auch von Österreich sagen. Auch hier existierte ein fortschrittlicher Flügel katholischer Intellektueller, der eine Aussöhnung des in alten Formen allzusehr erstarrten Christentums mit dem Geist der modernen Zeit anstrebte. Man faßt diese Bestrebungen allgemein unter dem Namen „Reformkatholizismus“ zusammen4). An erster Stelle wäre hier der Name des Kirchenhistorikers Albert Ehrhard zu nennen, der damals (1898—1902) an der Wiener Universität lehrte und dessen Werke „Der Katholizismus und das 20. Jahrhundert“ (erstmals 1901, 1902 bereits in 12. Auflage) und „Liberaler Katholizismus“ (1902) dem gebürtigen Elsässer schwere Anfeindungen eintrugen, obwohl er darin nur Wesentliches von Unwesentlichem im Christentum zu trennen suchte. An der Kirchentreue Ehrhards kann aber nicht gezweifelt werden, was ja nicht zuletzt auch die Tatsache erhellt, daß ihn die Aberkennung des Prälatentitels (1908—1922) keineswegs erschütterte! Zu Ehrhards Freun­den und Verteidigern in Wien gehörten unter anderem Prälat Franz Schindler (dem für seine „reformistischen“ Bestrebungen ein Bischofsstuhl versagt blieb) und Militärbischof Koloman Belopo- toczky. Erwähnenswert ist ferner „Nostra maxima culpa! Die be­drängte Lage der katholischen Kirche, deren Ursachen und Vorschläge zur Besserung“ des Pfarrers aus Leifling in Kärnten Anton Vogrinec 1904); das genannte Buch enthält vor allem im Anschluß an Rosminis „Delle cinque piaghe della S. Chiesa“ (1848!) praktische Reformvor­schläge (Einführung der deutschen Sprache im Gottesdienst, Betonung 2) É. Poulat, a. a. o. S. 17. Ferner macht er auf die eigentliche Krise im deutschen Katholizismus aufmerksam, die schon 50 Jahre vor dem Modernis­mus stattfand und mit den Namen Hermes, Günther, Baltzer, Knoodt, Deutingar, Frohschammer eng verknüpft ist. 3) Einer der bekanntesten späteren deutschen „Modernisten“ war Prof. Hermann Schell (1850—1906). 4) Mit Recht macht Fr. Engel-J anosi, Österreich und der Vatikan II (Graz 1960) S. 142 ff. aufmerksam, daß in Österreich von Modernismus kaum gesprochen werden könne: „Aber wenn es in Österreich keine großen Tragödien des Modernismus gegeben hat, müßte man viel mehr von den stillen Kämpfen gläubiger und gläubig sein wollender Seelen wissen, die für das Land charak­teristischer sein mögen als die lauten Schreie anderwärts“ (S. 143). — Vgl. auch die Erinnerung Fr. Funders, Vom Gestern ins Heute (Wien 1952) S. 341 ff. 21*

Next

/
Oldalképek
Tartalom