Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf

Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf 319 sehen Kirche auf alle seine verschiedenen Völker und Nationen anwende. „Quod catholicum est, universale est, universalem itaque praesupponit veri­tatem, universalem justitiam, universalem charitatem et fraternitatem.“ „Was katholisch ist, ist allgemein, es setzt eine allgemeine Wahrheit vor­aus, eine allgemeine Gerechtigkeit, eine allgemeine Liebe und Brüderlich­keit.“ „Ab hac autem catholica et vere Christiana regula, quam plurimum distat promptitudo superbiae dominandi cupidini et egoismo unius et alterius gentis omnium reliquarum gentium vitam, libertatem et vires ceu holocaustum quoddam immolandi.“ „Wie weit aber ist von dieser katholi­schen und wahrhaft christlichen Regel entfernt die Bereitwilligkeit, dem Stolze, der Herrschsucht und dem Egoismus dieser oder jener Nation das Leben, die Freiheit und die Kräfte aller übrigen wie als ein Massenopfer darzubringen.“ Man konnte — und Kardinal Rampolla gegenüber brauchte man gewiß nicht deutlicher zu sein, um die magyarischen Hegemoniegelüste zu brandmarken. „Mir wenigstens“ — so fährt Strossmayer fort — „ist das alles klar und unzweifelhaft.“ Deshalb habe er auch bei der Auslegung der Encyklika Leos XIII. „De libertate“ 14 15) immer wieder darauf hingewiesen, daß eo ohne die Lehre Christi und der Kirche kein geordnetes Staatswesen geben könne, keine wahre Kultur und Freiheit, keine wahre Tugend und Sicherheit, keinen wahren Frieden noch Ruhe. Der Brief schließt mit der Bitte, daß der Kardinal ebenso wie der Heilige Vater selbst jede Gelegen­heit wahmehmen mögen, um das Haus Habsburg zu ermahnen, den Lehren der Kirche Christi nachzuleben nicht nur im privaten, sondern vor allem im öffentlichen Leben: „verum maximoque publicae suae vitae applicet.“ Hierin einzig liege das Heil des Reichs beschlossen. Vielleicht könne man auch den Wiener Nuntius anweisen, bei jeder sich darbietenden Gelegen­heit Ratschläge in diesem Sinne zu erteilen. Aus dem Brief Strossmayers ist nicht zu ersehen, ob sich der Bischof bewußt war, daß der aus dem Leben geschiedene Thronfolger selbst tief in den politischen Kampf Ungarns verstrickt gewesen war 16). Ein anderer politischer Standpunkt ist es, der in den Nachrichten des französischen Botschafters in Wien, M. Decrais, über den Tod Erzherzog Rudolfs vorwaltet. Schon am 30. Jänner um 4 Uhr nachmittags war an ihn das Telegramm des Quai d’Orsay abgegangen: „Qu’y a-t-il de vrai dans la nouvelle de la morte subite du Prince Impérial?“ und eine halbe Stunde später setzte die Berichterstattung ein. Der Botschafter scheint zu dem näheren Bekanntenkreis des Erzherzogs gehört zu haben. Am 22. Jänner 14) Über diese Enzyklika, Josef Schmidlin, Paptsgeschichte der Neuesten Zeit (München, 1934) II, 358 f. 15) VgL Mitis, a. a. 0., 117 ff., 241 ff. — Das letzte Dokument der auf den Tod Erzherzog Rudolfs bezüglichen Rubrik in den Papieren des Staatssekretariats ist der Entwurf des Schreibens Kardinal Rampollas, in dem dieser dem Erz­bischof von Wien, Kardinal Ganglbauer am IV. 30. 1889 die Genehmigung zur Errichtung von einigen „asceticas casas" im Jagdschloß von Mayerling erteilt, damit dieses „quodammodo expiatorium opus“ in Angriff genommen werde.

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