Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 17/18. (1964/65)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf

Einige neue Dokumente zum Tode des Kronprinzen Rudolf 313 bestände, die sich auf den Tod des Kronprinzen beziehen, wurden ja nicht nur für historische Zwecke immer wieder durchsucht, vier unbekannte Dokumente aus diesen Wochen gefunden: zwei Briefe des Papstes an den Kaiser und zwei des Kaisers an den Papst. Sie lösen die bestehenden Un­klarheiten gewiß nur zu einem sehr geringen Teile; aber auf einem so unweg­samen Terrain, wie es das unsrige ist, dürfen wir für jede neue Spur dankbar sein. Das erste Schreiben des Papstes, in italienischer Sprache am 31. Jänner abgefaßt, spricht in warmen Worten das Beileid des Heiligen Vaters aus zu des Monarchen „si giusto e grave dolore.“ Leo XIII. hat noch an diesem Morgen die Seelenmesse für den Kronprinzen gelesen, in der Überzeugung, daß nichts dem Vater mehr Trost gewähren könne, als die Teilnahme, die das Oberhaupt der Kirche selbst an dem Seelenheil des Verstorbenen nehme. Vom gleichen Tage, um 2.35 Uhr nachmittags auf­gegeben und einundeinhalb Stunden später zugestellt, ist das im Vatikani­schen Archiv erhaltene 3) Telegramm, mit dem Franz Joseph dem Papste die Todesnachricht gibt: „Vengo col piü profondo dolore ad annunziare alia Santitä Vostra la repentina morte di mio figlio Rodolfo, son certo che Ella prenderä parte sincera al mio lutto per questa terribile perdita, io ne fo sacrificio al Signore cui rendo senza mormorare ciö che ho ricevuto da lui, imploro per me e famiglia 1’apostolica benedizione.“ „In tiefstem Schmerze komme ich Eurer Heiligkeit den plötzlichen Tod meines Sohnes Rudolf zu melden. Ich bin gewiß der aufrichtigen Teilnahme, die Sie an meiner Trauer bei diesem schrecklichen Verluste nehmen wird; ich opfere ihn dem Herrn, dem ich ohne Murren zurückgebe, was ich von ihm empfangen habe. Ich erflehe für mich und meine Familie den Apostolischen Segen:“ also nicht 2.000 Worte Text, sondern 54. Auf der Rückseite des Telegramms befindet sich der Vermerk von der Hand des Kardinalstaatssekretärs: „E pregato Monsignore Sostituto di darne lettura a Sua Santitä.“ Einer Boutade des Kardinalstaatssekretärs zufolge4) wäre Leo XIII. sehr verletzt gewesen, weil der König von Italien, zu dem der Heilige Stuhl damals sehr gespannte Beziehungen hatte, die Todesbotschaft aus Wien durch ein Telegramm des Kaisers um 24 Stunden früher erhalten habe als er. Graf Revertera, der österreichische Botschafter am Vatikan, er­widerte, daß die große Zahl der gleichzeitig expedierten Depeschen es er­klärlich mache, daß nicht alle zu gleicher Zeit eingetroffen waren; aber der Kardinal replizierte: „Mais pensez done: vingt quatre heures de diffé- rence, et c’est le Pape.“ Ein Hinweis auf die Verspätung in der Verstän­Kaisern, 1804—1918 (Wien—München, 1964). Im folgenden zitiert als „Korre­spondenz“. 3) Abgedruckt ebd. Nr. 164, S. 319. — Die im Archiv der Segretaria di Stato, 1889 enthaltenen Dokumente über den Tod des Kronprinzen sind in der Rubrica 260 vereinigt. 4) Vgl. mein Österreich und der Vatikan (Graz, 1960) II, 2, Anm. 1.

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