Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 16. (1963)
PÁSZTOR, Lajos: Die ungarischen Katholiken und der Erste Weltkrieg
Die ungarischen Katholiken und der Erste Weltkrieg. Von Lajos Pásztor (Rom). In den Jahren, welche dem Ersten Weltkrieg vorausgingen, machten der ungarische Staat und die ungarische Gesellschaft eine lange Periode der Krisis durch. Sowohl politische als auch soziale und konfessionelle Probleme beunruhigten das Land, und die Gegensätze und Unterschiede in den verschiedenen Schichten des öffentlichen und sozialen Lebens wuchsen ständig. Es fehlte die tatsächliche nationale Einheit und die Kräfte wurden in den innern Kämpfen aufgerieben 1). Nicht einmal die Katholiken, welche doch die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachten, bildeten eine geeinte Kraft. Sie waren nämlich in verschiedene Parteien und Gruppen zersplittert, sei es in der Politik, sei es in den andern Gebieten des öffentlichen Lebens, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf kultureller Ebene. Was die Politik betrifft, so hatten die Katholiken ihre Vertretung in Deiden Zweigen des ungarischen Parlaments. Der hohe Klerus, die Erzbischöfe und Bischöfe waren ex officio Mitglieder der Hohen Kammer, während in der Abgeordnetenkammer zwei katholische Parteien vertreten waren: die Volkspartei und die Christlich-soziale Partei. Die beiden katholischen Parteien, — (in deren Reihen auch Priester stritten, ja, eine, die Christlich-soziale Partei wurde sogar von einem i) Dem Andenken Gyula Szekfüs gewidmet. Mit dem hier behandelten Thema nahm ich bereits an der Studientagung „Benedetto XV, i cattolici e la prima guerra mondiale“ teil, die in Spoleto vom 7. bis 9. September 1962 stattfand. Vgl. die gleichnamige Veröffentlichung, Roma, 1963, S. 815—831. — Um die Anmerkungen dieser Studie zu verringern, werde ich mich darauf beschränken, nur die wichtigsten Werke zu erwähnen. Für ein Gesamtbild der Situation und der Probleme Ungarns am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergleiche G. Gratz, A dualizmus kora. Magyarország története, 1867—1918. (Das Zeitalter des Dualismus. Geschichte Ungarns zwischen 1867—1918), Bd. II, Budapest, 1934, hauptsächlich S. 214—281; Gy. Szekfü, Magyar történet (Ungarische Geschichte), in B. Hóman - Gy. Szekfü, Magyar történet, Bd. V., Budapest, 1936, besonders S. 523—603. Was noch genauer die ungarischen politischen Parteien angeht vgl. Gy. Mérei, Magyar politikai pártprogrammok (1867—1914). (Die Programme der ungarischen politischen Parteien zwischen 1867 und 1914), Budapest, 1934.