Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 16. (1963)

CSÁKY, Móric: Die ungarische Wegtaufenverordnung von 1890. Ein Beitrag zur Geschichte des Kulturkampfes in Ungarn

390 Móric Csáky zwischen Kirche und Staat“ — aber was wollte er machen? Eine Regie­rungskrise hätte die Lage nur noch verschärfen können, da sie die Kleri­kalen in ihrer Meinung bestärkt hätte. Csáky wagte nur noch auf eine kleine Änderung in der neuen Fassung aufmerksam zu machen, freilich ohne Erfolg. „Mit einem sehr bitteren Gefühl verließ ich die Burg“, schließt er seinen Bericht; denn das Gespräch brachte ihm die Einsicht, daß man sich in der kirchenpolitischen Diskussion nicht mehr auf den Herrscher stützen könne. Dennoch hinterließ die Thronrede vom 22. Februar bei den Liberalen einen guten Eindruck. Um wievieles besser wäre dieser noch ge­wesen, meint Csáky, wenn der von ihm proponierte Satz vorgetragen worden wäre? Wahrscheinlich, vermutet er, hätte die Kirchenpolitik dann keine radikale Formen angenommen 95). Ende März 96) fand in der königlichen Burg von Buda eine wichtige Beratung statt, an der Kaiser Franz Josef, Erzbischaf Vaszary, Außen­minister Kálnoky, Ministerpräsident Szapáry, Justizminister Szilagyi und Csáky teilnahmen. Der Primas trug zwei) Wünsche vor: erstens möge den Geistlichen, trotz staatlicher Matrikel, das Recht zustehen, auch weiterhin rechtsgültige Zeugnisse auszustellen; und zweitens verlangte er von der Regierung eine Erklärung, daß das Gesetz von 1868 geändert würde. Es war nun hauptsächlich Sache des Kultusministers, dem Primas Antwort zu stehen. Bezüglich des ersten Wunsches konnte er sich auf die große Unordnung, die aus einer solchen doppelten Matrikel­führung entstehen würde, ausreden. Auf den zweiten Punkt aber eine be­friedigende Antwort zu geben, war schon deshalb schwer, weil der Kaiser selbst am liebsten jenen umstrittenen Gesetzesartikel aus dem Jahre 1868 fallen gelassen hätte. Csáky betonte daher, daß eine Änderung nur dann in Frage käme, wenn das staatliche Eherecht neu kodifiziert würde; vom Inhalt des neuen Eherechtes sei auch die Änderung von 1868 abhängig. Und da ein solches noch nicht bestehe, könne die Regierung die gewünschte Modifikation nicht versprechen. Der Kaiser merkte bald, daß sich die Fronten festgefahren hatten. Um einen offenen Konflikt noch zu vermeiden, bat er den Primas, sich per­sönlich nach Rom zu begeben und dort die von der Regierung proponierte Lösung der notariellen Überweisung der Taufscheine vorzuschlagen. Vaszary kam dem Wunsch des Kaisers nach. Csáky legt seiner Denkschrift zwei interessante Schreiben Vaszarys aus Rom bei. Aus diesen ist ersichtlich, daß Vaszary am 9. April noch in Wien mit dem Kaiser ein Gespräch 85 86 85) Am 19. II. berichtete Szapáry im Ministerrat über die vom Kaiser akzeptierte Fassung der Thronrede. — Gleichzeitig kursierten Nachrichten von Csákys Rücktritt. Vgl. Salacz, Kultúrharc 113 Anm. 27. 86) Cs. erinnert sich an den Tag nicht mehr. Es war nach Salacz, Kultúr­harc 138 der 26. III. 1892. Auf Wunsch des Kaisers verfaßte Cs. darüber einen Bericht.

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