Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 15. (1962)
MISKOLCZY, Julius: Das Institut für ungarische Geschichtsforschung in Wien und seine Publikationen
592 Literaturberichte kammerarchiv und vom Polizeiarchiv sagen. Diese ausgedehnten Forschungen werden der Wissenschaft in Zukunft in gesteigertem Maße zugute kommen. Bekanntlich wurde Wiener Archivmaterial von unschätzbarem Wert, wie z. B. das Kabinettsarchiv, im letzten Weltkrieg entweder ganz oder teilweise vernichtet, das wertvolle und interessante Material des Archivs des Polizeiministeriums erlitt schon 1927 dasselbe Schicksal. Für das vernichtete Material bieten die Veröffentlichungen des Institutes, sowie die Forschungen, die dort durchgeführt wurden, einen gewissen Ersatz. Zentralarchive, Landes- und Städtearchive bis zu den Archiven von Akademien und Pfarreien, wurden mit großem Fleiß und großer Gründlichkeit durchforscht. Mit ähnlicher Gewissenhaftigkeit wurden auch die Musealgegenstände gesichtet. Auf Grund der oben zusammengestellten flüchtigen Daten ist jeder Kenner der ungarischen Geschichtswissenschaft imstande, zu bestimmen, was die Tätigkeit des Ungarischen Historischen Forschungsinstitutes in Wien für das ungarische kulturelle Leben bedeutete. Die Wiener Forschungen beeinflußten in bahnbrechender Weise unsere Kenntnisse über die Geschichte der Regierung und Verwaltung in Ungarn in der Neuzeit; auf dem Gebiete der Kunstgeschichte wurde hauptsächlich die Erforschung des Barocks bereichert; in der Archäologie wurde eine enge Verbindung zwischen der österreichischen und ungarischen Forschung hergestellt; die wirtschaftsgeschichtlichen Forschungen erzogen zur mitteleuropäischen Methode; bedeutenden Nutzen dürfte auch die bis dahin vernachlässigte und oft mit einem auffallenden Mangel an Akribie betriebene kirchengeschichtliche Forschung gezogen haben, der eine Unmasse von neuem wertvollem Material zur Verfügung gestellt wurde. Und noch etwas bedeutete außer der Veröffentlichung und Bearbeitung neuen Aktenmaterials die Tätigkeit des Institutes; eine überaus wichtige Entwicklung der wissenschaftlichen Methode. Der Geist von Árpád von Károlyi, Julius Szekfü und Franz Eckhart wurde richtunggebend für das Wirken des Institutes und dieser Geist bedeutete eine nach europäischen Horizonten strebende Schau, eine realistische, sich streng an beglaubigte Daten haltende Stellungnahme und ein Streben nach Wahrheit ohne jedwede Voreingenommenheit. Ich glaube mit Recht behaupten zu dürfen — und die Geschichte der ungarischen Wissenschaft wird sich diese Behautpung zweifelsohne zu eigen machen —, daß das Wiener Institut unendlich viel dazu beigetragen hat, die ungarische Geschichtsforschung ihres provinziellen Charakters zu entkleiden und eine moderne Forschungsmethode für die Erschließung der Neuzeit in Ungarn zu schaffen. Dieser Geist, diese Vollkommenheit der Methodik beherrschte letzthin die ungarische Geschichtsforschung. Der Ausgangspunkt ist aber in erster Linie in diesem Institut zu suchen. Im letzten Viertel des XVIII. Jahrhunderts kam die Wiedergeburt der ungarischen Literatur unter dem wohltätigen Einfluß der Wiener Aufklärung zustande. Wenn in unseren Tagen ein ungarisches Institut in Wien auf das ungarische Geistesleben einen ähnlichen Einfluß ausübte, allerdings in bescheidenem Rahmen, so hat daran die hohe, sich auf ein unsterbliches Vermächtnis stützende Wiener Kultur einen ähnlichen