Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 485 Am 28. Jänner, also gleich nach der bewußten — um nicht zu sagen berüchtigten — Versammlung in Linz 127) habe ich an Cardinal Rampolla geschrieben und ihn aufmerksam gemacht, daß die Auslegung, welche die Christlich-Socialen seinem Telegramm an Prinz Aloys Liechtenstein geben — Auslegung, welche durch die demokratischen und socialistischen Blätter trefflich sekundiert wird — nur geeignet (sei), die durch das Ein­dringen der Antisemiten in die katholische Bewegung, ja Beherrschung derselben durch die Antisemiten vulgo Christlich-Socialen, entstandene Ideen-Confusion noch zu vermehren und daß dies die gefährlichsten Folgen haben könne. Nach kurzer Darstellung über die Entstehung und Entwicklung der christlich-socialen Partei und scharfer Charakterisirung ihrer Führer, habe ich ausdrücklich gesagt, daß es derselben und denselben an der wahren Kenntniß der katholischen Doctrin gebricht und sie auch keine Garantie geboten haben sich in Allem — auch wo es ihnen nicht im Kram paßt ■— den Lehren der Kirche gehorsam zu fügen. Speciei den Prinzen Aloys Liechtenstein anbelangend, habe ich gesagt, daß dieser Führer der Christlich-Socialen zur Zeit der großen Gefahr in den 70er Jahren treu an unserer Seite gekämpft, seither aber in das christlich-sociale Lager übergegangen, weil es auch ihm — bei all seinem guten Glauben — an tieferer Kenntniß und richtiger Erkenntniß der katho­lischen Doctrin gebricht und er bei seiner maßlosen Ambition nicht zu erkennen vermag, daß er nicht führt, sondern geführt wird. — Ich habe betont, daß das dermalige Vorgehen der Christlich-Socialen ein systematischer Kampf gegen die Autorität der Bischöfe ist; daß durch die ganze Bewegung ein protestantischer Hauch weht, umso ge­fährlicher, weil nicht nur die durch die Unthätigkeit der Bischöfe entmuthigte Masse der katholischen Laien, sondern auch die Mehrheit des jungen Clerus durch die antisemitische vulgo christlich sociale Bewegung hingerissen wird. Aber ich habe auch nicht ermangelt klar und deutlich zu sagen, daß an dem gegebenen Zustande die Bischöfe selbst schuld sind, weil sie es nicht verstanden haben, sich zur rechten Zeit der Bewegung zu bemächtigen. Ein Wort des seeligen Cardinal Czacki zitierend, — „les catholiques ont le devoir d’informer le St. Siege, non pas de le former“ habe ich meinen Brief geschlossen: „Ich habe den Heiligen Stuhl, über die Lage der Dinge informirt, damit aber auch meine Pflicht erfüllt. Der Heilige Stuhl allein hat zu entscheiden ob und was geschehen soll, der drohenden Gefahr Einhalt zu gebieten.“ — Dies in Kürze der Inhalt meines langen Schreibens. 127) Die christlichsoziale Kundgebung am 20. I. 1895, zu der Kardinal Ram­polla am 13. I. die Zustimmung des Papstes telegraphiert hatte. Stöger, a. a. 0., S. 43 ff.

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