Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WEINZIERL-FISCHER, Erika: Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich. Nach der Korrespondenz des Grafen Anton Pergen

Aus den Anfängen der christlichsozialen Bewegung in Österreich 483 eindeutig zu ihren Gunsten wenden können. Die vor allem von Aloys Liechtenstein nach dem Tod Pergens und Blomes betriebene Fusionierung der Konservativen mit den Christlichsozialen im Jahr 1907 126) war dann nur mehr die zwangsläufige Folge dieses Sieges. Trotzdem waren die konservativen Aristokraten wie z. B. Graf Pergen die wichtigsten Weg­bereiter der christlichsozialen Bewegung, da sie zunächst auf internatio­naler Basis die politische Zusammenarbeit der Katholiken praktizierten, in diesem Rahmen auch früh auf die soziale Frage ihrer Zeit hingewiesen wurden und persönlich im Dienst der katholischen Sache kein Opfer scheu­ten. Daß aber die Mehrheit dieser Männer infolge ihrer Herkunft ebenso wie der Episkopat in seiner Gesamtheit die rechtzeitige Gewinnung der Arbeiterschaft nicht in Angriff nehmen wollte oder konnte, gehört ebenso wie das Bündnis von Thron und Altar zur Zeit des Neoabsolutismus oder die enge Verbindung von Kirche und Parteipolitik in der ersten Republik zu jenen historischen Belastungen, die die moralische Autorität der Kirche in Österreich bis 1938 bei einem Großteil der Bevölkerung beeinträchtigt haben. ANHANG. I. 1887 November 30, Wien. Karl von Vogelsang an Graf Anton Pergen. Orig.: Depot Per gen. Wien V. Lannergasse 3 30. XI. 87 Euer Hochgeboren hatten die Güte mir eine Anzahl Eintrittskarten für die Festversamm­lung am 8ten. Dcbr. für meine Vincenzkonferenz zu übersenden, welche ich auch gestern zur Vertheilung unter die Mitglieder gebracht habe. Es fiel mir auf, daß ich für mich und 1 oder 2 Mitglieder meiner Familie (Damen) keine geeigneten Plätze darunter fand. Nun habe ich allerdings gar keine Vorliebe für große Versammlungen und wenn mich keine Pflicht hinführt, so bleibe ich ebenso gerne fort; aber mir scheint fast als ob es unpaßend erscheinen könnte, wenn bei einer so solemnen kath. Versammlung der publizistische Wortführer des kath. Oesterreich nicht erscheinen könnte. Sollten Euer Hochgeboren derselben Ansicht sein, so bitte ich derselben durch gütige Zusendung von 2 oder 3 Karten für geeignete Plätze Ausdruck geben zu wollen. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir noch eine andere Bitte auszu­sprechen. Euer Hochgeboren haben vielleicht im heutigen „Vaterland“ die Rede des Dr. Lueger gelesen, in welcher derselbe in einer zahlreich be­suchten Wählerversammlung die Parole der Socialreform auf 126) Stöger, a. a. O., S. 176 ff., sowie Norbert Miko, Die Vereinigung der christlichsozialen Reichspartei und des katholisch-konservativen Zentrums 1907. Ungedr. phil. Diss. Wien 1949. 31*

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