Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 419 Wiener Montags-Journals vom 22. November 1909 unter dem Titel: „Er geht nicht ... (der Herr Hofrat Schlenther)“. Hier steht wörtlich: „Den Fürst Montenuovo trifft die gerechte Strafe, wenn er nun sehen muß, wie er diese Plage los wird. Ein hübsches Stück Geld wirds ja kosten, der Kai­ser wird tief in die Schatulle greifen müssen“ 122 *). Nur die Österreichische Volkszeitung und die Reichspost nahmen sich des Verfolgten an und brand­markten die unwürdige Hetze 128). Schon am Tag nach dem Skandal, am 24. Oktober, hat Schlenther um seinen Rücktritt angesucht, der zunächst nicht angenommen wurde. Erst einem neuen Gesuch Schlenthers vom 3. Jänner 1910 wurde stattgegeben, da inzwischen die Verhandlungen mit Baron Berger erfolgreich verlaufen waren. Am 12. Jänner hielt Fürst Montenuovo einen Vortrag beim Kaiser, der am 21. Jänner die Versetzung Schlenthers in den Ruhestand verfügte. Fürst Montenuovo begründete das Gesuch Schlenthers mit folgenden Wor­ten: „Er hat diese Hofbühne durch elf Jahre geleitet und, wie nicht ge­leugnet werden kann, sich redlich bemüht, dieses Kunst-Institut auf jener Stufe zu erhalten, welche einzunehmen es durch seine Tradition berufen erscheint. Wenn sein Bemühen nicht von dem angestrebten Erfolge begleitet war, so liegt die Schuld teils in den ungünstigen Verhältnissen, die durch das Absterben altbewährter Kräfte des Schauspielpersonales, durch die Stagnation auf dem Gebiete dramatischer Hervorbringungen und durch die Schwierigkeit der Beschaffung eines entsprechenden schauspielerischen Nachwuchses geschaffen wurden, teils in der Person des Direktors* wohl selbst, der als geborener Norddeutscher sich nie in die Wiener Eigenart und in den Wiener Geschmack einzuleben vermochte. Insbesondere in letzter Zeit hat Hofrat Dr. Schlenther bei der Auswahl der Novitäten und bei dem En­gagement jüngerer Kräfte entschiedene Mißerfolge erlitten, welche seine Stellung dem Personale des Hoftheaters und der Öffentlichkeit gegenüber so schwer erschütterten, daß er sich veranlaßt sah, um seine Entlassung zu bitten“ 124). Damit war der Abgang Schlenthers, der noch bis zum Februar proviso­risch die Leitung des Burgtheaters innehatte, besiegelt. Am 1. März 1910 erfolgte unter dem Jubel der Wiener das Debüt Alfred von Bergers mit der Neueinstudierung der „Sappho“. Paul Schlenther kehrte nach Berlin zurück, wo er die Theaterkritik am Berliner Tageblatt übernahm. Dort ist er am 30. April 1916 gestorben. Die Nachwelt hat seine Leistung, beeinflußt 122) Das Gegenteil entspricht der Wahrheit. Schlenther erhielt 10.000 Kronen Jahrespension, während der Nachfolger Freiherr von Berger die durch die Krise entstandene Zwangslage der Generalintendanz so gut zu nutzen verstand, daß ihm und seiner Gattin Stella Hohenfels zusammen ein Jahreseinkommen von 64.000 Kronen zugestanden werden mußte (Gen. Int. ZI. 425 ex 1910). <23) Beide vom 17. XI. 1909. Vgl. die gesammelten Zeitungsstimmen zu Schlenthers Sturz in Gen. Int. ZI. 4666 ex 1909, zu „Hargudl am Bach“, ebenda ZI. 4083 ex 1909. i24) Gen. Int. ZI. 1033 ex 1910. 27*

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