Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

408 Hans Wagner von Schnitzler passiert. Die ,Sclavin’ wurde schon nach der zweiten Auf­führung abgesetzt.“ Schlenther schlägt Hauptmann zwei mögliche Wege vor. Der erste ist ein Protest des Dichters gegen diese Maßregel. Im Kon­flikt mit dem Burgtheater wolle sich Schlenther mit seinem Freund soli­darisch erklären und seinen Rücktritt bekanntgeben. Der zweite ist eine freiwillige Zurückziehung des Stückes, wobei Hauptmann anerkenne, „daß der Herr des Burgtheaters, der soviele Opfer für seine künstlerischen Zwecke bringt, auch einen Willen habe; ein Wille, der sooft oder vielmehr so selten er sich kund gibt, auch respektiert werden müsse“ 61). Hauptmann wählte in seiner Antwort an Schlenther natürlich den zwei­ten Weg. Er erkannte die Opferwilligkeit seines Freundes an, verlangte aber doch eine offizielle Benachrichtigung über die Beanstandung mit An- * führung der Gründe und die Aufhebung des abgeschlossenen Vertrages* 62 *). In einem Interview äußerte der Dichter nicht ohne Selbstbewußtsein die Besorgnis, „welchen Zweck ein Kunstinstitut von europäischem Rang verfol­gen sollte, wenn es diejenigen läuternden Erschütterungen verbannen muß, die seine innere Kraft und seine wahrhaft hohe Bedeutung im nationalen Leben ausmachen“ 6S). In der Presse wurde das Ereignis reichlich kommen­tiert, von begeisterten Zuschriften zur Ablehnung der „modernen Kloaken­literatur“ 64) bis zur Glosse in der Arbeiterzeitung „Ein entarteter Königs­hof“. Hier werden die „schrecklichen Zustände am württembergischen Hof“ geschildert, wo König und Königin einer Aufführung der „Rose Bernd“ bei­wohnten, „vom Anfang bis zum Ende, ohne nach der Equipage zu rufen. Ohne Erröten, ohne Entrüstung!“65) Den ohnehin ängstlichen Hofrat Jettel hat dieser Skandal ganz irre gemacht. Von nun an finden wir kein Lob der Moderne mehr, die Zensur verschärft sich zusehends. Die neuromantischen Dramen Hauptmanns hatten von der Zensur nichts zu befürchten. Hier konnte das Burgtheater sogar anderen Bühnen zuvor­kommen. Am 29. November 1901 fand hier die Uraufführung des „Armen Heinrich“ statt, bei dem die Zensur nichts beanstandet hatte66), und am 6. März 1909 die der „Griselda“ gleichzeitig mit dem Berliner Lessing­theater. Die erste Fassung der Griselda hatte Jettel allerdings „nicht als Censor, nicht als dramaturgischen Dilletanten, sondern nur als Menschen­entsetzt. „Die Lecture der .Griselda* hat mich aufs tiefste erschüttert, denn sie hat mir die Überzeugung beigebracht, daß Hauptmann ein verlorener Mensch ist! Das Stück ist das Werk eines Geisteskranken, wenn auch der Entwurf einer früheren Zeit angehören mag. In seiner heutigen Form ist 64) Bg. Th. SR, Kart. 3 Nr. 71. 62) Brief vom 27. II. 1904, ebenda. 66) So u. a. im Wiener Fremdenblatt vom 2. III. 1904. 64) Deutsche Zeitung vom 4. III. 1904. 65) Arbeiterzeitung vom 15. III. 1904. 66) Telegramm Schlenthers an Hauptmann vom 6. XI. 1902, Bg. Th. SR, Kart. 3 Nr. 70.

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