Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

402 Hans Wagner lehnung“ 32). Dabei blieb es auch bis zu einer neuen abgeschwächten Fas­sung des Stückes, die dann endlich Gnade fand. Die übergeordnete zweite oder — mit Einschluß der Hofrätin — sogar dritte Instanz war die Generalintendanz der kaiserlichen Hoftheater. Ihr interimistischer Leiter bis zu seiner Ernennung zum Generalintendanten (1906) war der pensionierte Sektionschef im Innenministerium August Freiherr P 1 a p p a r t von Leenheer, wie Jettel ein Jurist und erfolg­reicher Beamter. Er war k. k. geheimer Rat, Mitglied des Herrenhauses und Präsident-Stellvertreter der Wiener Stadterweiterungskommission. Nach seinem Tod am 18. Juli 1907 blieb die Stelle eines Generalintendanten einige Jahre unbesetzt33). Exzellenz Plappart war weit ängstlicher als sein Zensor, er hatte als Generalintendant im Fall eines Skandals aber auch mehr aufs Spiel zu setzen als Jettel, der lediglich ein unbesoldetes Ehren­amt zu verlieren hatte. Plapparts Superzensur kann an zwei Beispielen gezeigt werden. Jettel hat einmal das Zensurexemplar von Otto Ernsts „Flachsmann als Erzieher-* zurückgefordert, um eine Stelle zu eliminieren. Bei der Rückgabe schrieb er an Schlenther, daß ihn das Zensurexemplar darüber belehrt habe, daß ihm „von der Generalintendanz stark ins Handwerk gepfuscht“ werde. „Die überwiegende Mehrzahl der Striche stammt nicht von mir, so der vom Fremdenblatt genannte .Heilige Bureaukrazius’. Mir schiene es angemessen, wenn ich von solchen Superzensurstrichen wenigstens nachträglich erführe, da ich ja schließlich für ein zu viel ebenso verantwortlich bin wie für ein zu wenig“. Der entrüstete Zensor bittet Schlenther „ganz vertraulich“, ihm von nun an die von der Intendanz an den Direktor geschickten Zensurexem­plare stets nochmals zur Einsicht vorzulegen34). Ein ähnlicher Fall trug sich bei Fuldas „Zwillingsschwester“ zu. Jettel schrieb an Schlenther: „Streng vertraulich und mit der Bitte, davon keinerlei Gebrauch zu machen, will ich Ihnen anvertrauen, daß keine der vorhandenen Abänderungen von mir angeregt wurde. Ich wollte Ihnen das nur sagen, damit Sie von der ,Censur‘ keinen falschen Begriff bekommen, d. h. von der Censur, die ich übe. Der Generalintendanz steht es ja zweifellos frei, an die Aufführungs- erlaubniß strengere Bedingungen zu knüpfen als die Censur. ... Jedenfalls möchte ich im Interesse des guten Rufes wünschen, daß die Sache möglichst wenig publik werde“ 35 *). Überhaupt scheinen mit Plappart Spannungen bestanden zu haben, die zwischen Schlenther und seinem Zensor nicht zu beobachten sind. Schlenther nennt ihn einmal „unsere gute, auf uns beide etwas eifersüchtige Exzel­lenz“ 3e). In Mitteilungen an Schlenther verrät Plappart gelegentlich seinen 32) Zwei Briefe, mit „Dienstag“ und „Donnerstag“ datiert, vom Jänner oder Februar 1908, Bg. Th. SR, Kart. 1 Nr. 22. 33) Rub, a. a. O., S. 164. 34) Vom 2. II. 1901, Bg. Th. SR, Kart 1 Nr. 32. 35) Ebenda Kart. 2, Nr. 39. *•) Brief an Jettel vom 17. II. 1902, ebenda Kart. 5 Nr. 131.

Next

/
Oldalképek
Tartalom