Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 14. (1961) - Festschrift für Gebhard Rath zum 60. Geburtstag

WAGNER, Hans: Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 1898 bis 1910

Die Zensur am Burgtheater zur Zeit Direktor Schlenthers 399 lassen 19). Paula Conrad war in Berlin die berühmte erste Darstellerin von Hauptmanns „Hannele“ gewesen. Mit Gerhart Hauptmann verband Paul Schlenther eine enge Freundschaft. Die erste Biographie des Dichters im Jahr 1898 entstammt Schlenthers Feder20). Mit allen bedeutenderen Büh­nenschriftstellern war er als Kritiker gut bekannt, besonders mit denen des S. Fischer-Verlages 21).So war es kein Wunder, daß seine Berufung in Wien zunächst große Hoffnungen erweckte. Ludwig Bauer richtete einen offenen Brief an den neuen Direktor, in dem er die Hoftheater einen „Anachronis­mus in unserer bourgeoisen Zeit“ nannte und Schlenther als den Mann feiert, „der mit kräftigen Fäusten die Thüre einschlug, welche die littera- rische Jugend vom Erfolge trennte“, und dessen bedeutendster Ruhmes­titel es einmal sein könne, „dem neuen Drama im Burgtheater eine dauernde und würdige Heimstätte zu bereiten“ 22). Aber die Zensur sorgte dafür, daß die Bäume der Moderne auch unter dem neuen Direktor nicht in den Himmel wuchsen. Schon die Dienstinstruk­tion für Schlenther, der am 26. Jänner 1898 die Direktionsgeschäfte zu­nächst probeweise übernahm, umschrieb seine Befugnisse genau. Der Para­graph sechs bestimmte zwar, daß die Auswahl der Novitäten und Reprisen sowie die Verhandlungen mit den Autoren oder deren Vertretern über die als notwendig oder zweckmäßig erscheinenden Änderungen dem Direktor zustehen. Aber er fährt fort, daß die Aufführung eines Stückes trotz des mit dem Autor abgeschlossenen Vertrages, der diesem noch kein Recht auf die wirkliche Aufführung gibt, erst dann erfolgen könne, wenn die General­intendanz, die auch die Vornahme der Zensur vermittelt, ihre Zustimmung erteilt hat23). Damit waren dem Direktor vor allem bei der Erwerbung von Neuerscheinungen bekannter Schriftsteller und von Erfolgsstücken des Auslands die Hände gebunden. Um sie bewarben sich viele Theater und die Bühnenverlage wollten meist nicht auf eine trotz der Annahme unsichere Aufführung warten. Nur wenige Autoren zogen die beim Burgtheater ge­gebene höhere künstlerische Qualität der Aufführung einem rascheren Tan­tiemenfluß vor. Daher setzte sich Schlenther gegen den Buchstaben seiner Instruktion meist schon vor der Annahme des Stückes mit dem Zensor und 19) Ein ausführlicher Lebenslauf Schlenthers befindet sich in Gen. Int. ZI. 54 ex 1898. Vgl. über Schlenther Nagl-Zeidler-Castle IV, S. 1963 f., ferner Karl B o h 1 a, Paul Schlenther als Theaterkritiker, Dresden 1935, und die Nachrufe im Deutschen biographischen Jahrbuch, Überleitungsband I (1914— 1916), Berlin 1925, S. 258 f., und besonders eingehend und anerkennend von Franz Zweybrück, Deutsche Rundschau, Juni 1916, S. 460 ff. 20) Gerhart Hauptmann, Leben und Werke, Berlin 1897; 3. Auflage von Arthur E 1 o e s s e r, Berlin 1922. 21) Der Verlag S. Fischer gab die Zeitschrift „Freie Bühne“ (seit 1894 „Neue Deutsche Rundschau“) heraus, in der Schlenther als Vorstand des Vereins „Freie Bühne“ als Kritiker tätig war. 22) An Paul Schlenther. Ein offener Brief. Wien 1898, S. 4 f. äs) Vom 15. VI. 1898. Gen. Int. ZI. 54 ex 1898.

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